> Gedichte und Zitate für alle: Gedichte der deutschen Liebeslyrik Teil 1 Heinrich Heine

2012-12-20

Gedichte der deutschen Liebeslyrik Teil 1 Heinrich Heine

Zwei Schwäne

Die deutsche Lyrik ist sehr reich an Liebesgedichten und die Liebeslyrik  hat eine lange Tradition. Aber erst mit dem "Sturm und Drang" setzt eine Ich-Aussage in der Dichtung ein die aus dem unmittelbaren Erleben mit der Geliebten schöpft. Die Liebesgedichte Goethes, in seiner klassischen Periode, sind sprachlich gemäßigter und oft von einer symbolischen Betrachtungsweise geprägt. Die Romantiker neigen zu einer religiösen Betrachtung und stellen oft das Sehnsuchtsmotiv in den Mittelpunkt ihrer Gedichte. Dabei wird sehr häufig ein volksliedhafter Ton angeschlagen.


Auf dieser und den folgenden Seiten stelle ich Liebesgedichte aus 100 Jahren deutscher Dichtung vor. Das betrifft etwa die Jahre von 1770 bis 1870. Jeder Teil wird 2 Dichter mit je 2 Gedichten vorstellen und in Ausnahmen, wie bei dieser Seite, nur einen Schriftsteller mit 4 Gedichten.

Der erste Teil stellt Gedichte von Heinrich Heine aus dessen Sammlung Buch der Lieder vor. Die Gedichte entstanden zwischen den Jahren 1817 bis 1826 und sind dem Frühwerk Heines zuzurechnen. Die Sammlung war beim Publikum ein großer Erfolg und in rascher Folge erschienen immer wieder Neuauflagen. Allerdings hatte Heine immer wieder Probleme mit der Zensur, weil nach deren Meinung, die Sprache zu vulgär oder obszön war.



Im süßen Traum, bei stiller Nacht

Im süßen Traum, bei stiller Nacht,
Da kam zu mir, mit Zaubermacht,
Mit Zaubermacht, die Liebste mein,
Sie kam zu mir ins Kämmerlein.

Ich schau sie an, das holde Bild!
Ich schau sie an, sie lächelt mild,
Und lächelt, bis das Herz mir schwoll,
Und stürmisch kühn das Wort entquoll:

"Nimm hin, nimm alles, was ich hab
Mein Liebstes tret ich gern dir ab,
Dürft ich dafür dein Buhle sein,
Von Mitternacht bis Hahnenschrein."

Da staunt' mich an gar seltsamlich,
So lieb, so weh und inniglich,
Und sprach zu mir die schöne Maid:
"Oh gib mir deine Seligkeit!"

"Mein Leben süß, mein junges Blut,
Gäb ich, mit Freud' und wohlgemut,
Für dich, o Mädchen, engelgleich -
Doch nimmermehr das Himmelreich."

Wohl braust hervor mein rasches Wort,
Doch blühet schöner immerfort,
Und immer spricht die schöne Maid:
"Oh, gib mir deine Seligkeit!"

Dumpf dröhnt dies Wort mir ins Gehör,
Und schleudert mir ein Glutenmeer
Wohl in der Seele tiefsten Raum;
Ich atme schwer, ich atme kaum. -

Das waren weiße Engelein,
Umglänzt von goldnem Glorienschein;
Nun aber stürmte wild herauf
Ein gräulich schwarzer Koboldhauf'.

Die rangen mit den Engelein,
Und drängten fort die Engelein;
Und endlich auch die schwarze Schar
In Nebelduft zerronnen war. -

Ich aber wollt in Lust vergehn,
Ich hielt im Arm mein Liebchen schön;
Sie schmiegt sich an mich wie ein Reh,
Doch weint sie auch mit bitterm Weh.

Feins Liebchen weint, ich weiß warum,
Und küß ihr Rosenmündlein stumm. -
"O still, feins Lieb, die Tränenflut,
Ergib dich meiner Liebesglut!

Ergib dich meiner Liebesglut-"
Da plötzlich starrt zu Eis mein Blut;
Laut bebet auf der Erde Grund,
Und öffnet gähnend sich ein Schlund.

Und aus dem schwarzen Schlunde steigt
Die schwarze Schar; - feins Lieb erbleicht!
Aus meinen Armen schwand fein Lieb;
Ich ganz alleine stehenblieb.

Da tanzt im Kreise wunderbar,
Um mich herum, die schwarze Schar,
Und drängt heran, erfaßt mich bald,
und gellend Hohngelächter schallt.

Und immer enger wird der Kreis,
Und immer summt die Schauerweis':
"Du gabest hin die Seligkeit:
Gehörst uns nun in Ewigkeit!"



Ich lag und schlief, und schlief recht mild

Ich lag und schlief, und schlief recht mild,
Verscheucht war Gram und Leid;
Da kam zu mir ein Traumgebild',
Die allerschönste Maid.

Sie war wie Marmelstein so bleich,
Und heimlich wunderbar;
Im Auge schwamm es perlengleich,
Gar seltsam wallt' ihr Haar.

Und leise, leise sich bewegt
Die marmorblasse Maid,
Und an mein Herz sich niederlegt
Die marmorblasse Maid.

Wie bebt und pocht vor Weh und Lust
Mein Herz, und brennet heiß!
Nicht bebt, nicht pocht der Schönen Brust,
Die ist so kalt wie Eis.

"Nicht bebt, nicht pocht wohl meine Brust,
Die ist wie Eis so kalt;
Doch kenn auch ich der Liebe Lust,
Der Liebe Allgewalt.

Mir blüht kein Rot auf Mund und Wang',
Mein Herz duchströmt kein Blut;
Doch sträube dich nicht schaudernd bang,
Ich bin dir hold und gut."

Und wilder noch umschlang sie mich,
Und tat mir fast ein Leid;
Da kräht der Hahn - und stumm entwich
Die marmorblasse Maid.



Morgens steh ich auf und frage

Morgens steh ich auf und frage:
Kommt feins Liebchen heut?
Abends sink ich hin und klage:
Aus blieb sie auch heut.

In der Nacht mit meinem Kummer
Lieg ich schlaflos, wach;
Träumend, wie im halben Schlummer,
Wandle ich bei Tag.


Im wunderschönen Monat Mai

Im wunderschönen Monat Mai,
Als alle Knospen sprangen,
Da ist in meinem Herzen
Die Liebe aufgegangen.

Im wunderschönen Monat Mai,
Als alle Vögel sangen,
Da hab ich ihr gestanden
Mein Sehnen und Verlangen.


Sie liebten sich beide

Sie liebten sich beide, doch keiner
Wollt' es dem andern gesteh'n;
Sie sahen sich an so feindlich,
Und wollten vor Liebe vergeh'n.

Sie trennten sich endlich und sah'n sich
Nur noch zuweilen im Traum;
Sie waren längst gestorben,
Und wußten es selber kaum.



                                                                           


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Bildquelle: Titelbild Peashooter / pixelio.de



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