> Gedichte und Zitate für alle: Satirische und humorvolle Gedichte klass.deutscher Dichter ( Brentano, Heine, Goethe, Gellert, Freiligrath) T 9

2013-02-04

Satirische und humorvolle Gedichte klass.deutscher Dichter ( Brentano, Heine, Goethe, Gellert, Freiligrath) T 9








Rezensent


Da hatt ich einen Kerl zu Gast,

Er war mir eben nicht zur Last;

Ich hatt just mein gewöhnlich Essen,

Hat sich der Kerl pumpsatt gefressen,
Zum Nachtisch, was ich gespeichert hatt'.
Und kaum ist mir der Kerl so satt,
Tut ihn der Teufel zum Nachbar führen,
Über mein Essen zu räsonieren:
"Die Supp hätt können gewürzter sein,
Der Braten brauner, firner der Wein."
Der Tausendsakerment!
Schlagt ihn tot, den Hund! Es ist ein Rezensent.

J.W.v.Goethe

Der Schlittschuh-laufende Neger


Du, von Gestalt athletisch,
Der oft am Gambia
Den wunderlichen Fetisch
Vom Golde blitzen sah;

Oft unter dem Äquator
Des Panthers Blut vergoß
Und nach dem Alligator
Mit gift'gem Pfeile schoß;

Dort, wo auf Pallastpforten
Gebleichte Schädel stehn,
An jenen fremden Orten
Mag ich dich gerne sehn.

Wo aus geborstnen Bäumen
Das gelbe Gummi quillt,
Stehst du in meinen Träumen,
Ein ernstes, schwarzes Bild;

Ein Wächter und ein Hüter,
Mit Perl' und Gold geziert,
Der mittäglichen Güter,
Die da dein Land gebiert.

Dort seh' ich gern dich treiben
Das Nashorn in die Flucht!
Doch fremd wirst du mir bleiben
Auf dieser nord'schen Bucht.

Was fliegst du auf dem Eise,
Und sprichst der Kälte Hohn,
O du, der Wendekreise,
Des Südens heißer Sohn?

Du, der, bis an den Nabel
Entblößt, zu Rosse sprang,
Und in die Kettengabel
Den Hals des Sklaven zwang?

Aus diesem bunten Schwarme,
Im rauhen Pelzgewand,
Ragst du, verschränkt die Arme,
Gleich wie ein Nekromant,

Der mit geweihtem Ringe
Der Geister Trotz besiegt,
Und auf des Greifen Schwinge
Durch die Sahara fliegt.

O segle, wenn im Lenze
Kein Eis dein Schiff mehr hält!
Nach deines Landes Grenze
Zieh' heim in dein Gezelt!

Goldstaub auf deine Locke
Streut dort das Land Dar Fur;
Hier schmückt sie Reif und Flocke
Mit Silberstaube nur!

Ferdinand Freiligrath,

Die Geschichte von dem Hute

Das erste Buch

Der erste, der mit kluger Hand
Der Männer Schmuck, den Hut erfand,
Trug seinen Hut unaufgeschlagen;
Die Krempen hiengen flach herab;
Und dennoch wußt' er ihn zu tragen,
Daß ihm der Hut ein Ansehn gab.

Er starb, und ließ bei seinem Sterben
Den runden Hut dem nächsten Erben.

Der Erbe weis den runden Hut
Nicht recht gemächlich anzugreifen;
Er sinnt, und wagt es kurz und gut,
Er wagt's, zwo Krempen aufzusteifen.
Drauf läßt er sich dem Volke sehn;
Das Volk bleibt vor Verwundrung stehn
Und schreit: »Nun läßt der Hut erst schön!«

Er starb, und ließ bei seinem Sterben
Den aufgesteiften Hut dem Erben.

Der Erbe nimmt den Hut und schmählt.
Ich, spricht er, »sehe wohl, was fehlt.«
Er setzt darauf mit weisem Mute
Die dritte Krempe zu dem Hute.
»O!« rief das Volk, »der hat Verstand!
Seht, was ein Sterblicher erfand!
Er, er erhöht sein Vaterland!«

Er starb, und ließ bei seinem Sterben
Den dreifach spitzen Hut dem Erben.

Der Hut war freilich nicht mehr rein;
Doch sagt, wie konnt' es anders sein?
Er ging schon durch die vierten Hände.
Der Erbe färbt ihn schwarz, damit er was erfände.
»Beglückter Einfall!« rief die Stadt,
»So weit sah keiner noch, als der gesehen hat.
Ein weißer Hut liess lächerlich;
Schwarz, Brüder, schwarz! so schickt es sich.«

Er starb, und ließ bei seinem Sterben
Den schwarzen Hut dem nächsten Erben.

Der Erbe trägt ihn in sein Haus,
Und sieht, er ist sehr abgetragen;
Er sinnt, und sinnt das Kunststück aus,
Ihn über einen Stock zu schlagen
Durch heiße Bürsten wird er rein;
Er faßt ihn gar mit Schnüren ein.
Nun geht er aus, und alle schreien:
»Was sehn wir? Sind es Zaubereien?
Ein neuer Hut! O glücklich Land,
Wo Wahn und Finsternis verschwinden!
Mehr kann kein Sterblicher erfinden,
Als dieser große Geist erfand.«

Er starb, und ließ bei seinem Sterben
Den umgewandten Hut dem Erben.

Erfindung macht die Künstler groß
Und bei der Nachwelt unvergessen;
Der Erbe reißt die Schnüre los,
Umzieht den Hut mit goldnen Tressen,
Verherrlicht ihn durch einen Knopf
Und drückt ihn seitwärts auf den Kopf.
Ihn sieht das Volk und taumelt vor Vergnügen.
Nun ist die Kunst erst hoch gestiegen!

»Ihm«, schrie es, »ihm allein ist Witz und Geist verliehn!
Nichts sind die andern gegen ihn!«

Er starb, und ließ bei seinem Sterben
Den eingefaßten Hut dem Erben.
Und jedesmal ward die erfundne Tracht
Im ganzen Lande nachgemacht

Ende des ersten Buchs

Was mit dem Hute sich noch ferner zugetragen,
Will ich im zweiten Buche sagen.
Der Erbe ließ ihm nie die vorige Gestalt.
Das Außenwerk war neu; er selbst, der Hut, blieb alt.
Und, daß ich's kurz zusammen zieh',
Es ging dem Hute fast wie der Philosophie.

Christian Fürchtegott Gellert

Das Fräulein stand am Meere

Das Fräulein stand am Meere
Und seufzte lang und bang,
Es rührte sie so sehre
Der Sonnenuntergang.

Mein Fräulein! Sein Sie munter,
Das ist ein altes Stück;
Hier vorne geht sie unter
Und kehrt von hinten zurück."

Heinrich Heine

Kennt ihr das Fräulein Dienchen nicht...

Kennt ihr das Fräulein Dienchen nicht.
Sie hat ein Tabaksdosengesicht
So etwas wie ’ne Nase drinne
Und den Charakter einer Spinne.
Hat man mit dem Vergrößrungsglase
Endlich gefunden ihre Nase
So mußt du Mikroskope brauchen
So findst du nie die Katzenaugen.
Ihr dickes Haar ist tölpisch aufgebaut
Doch niemand schimpfe ihre Haut
Sie ist so fein so zart so weiß
Als wie ein alter Hühnersteiß.
Ihr faltig Kleid von steifem Zeug
Hoch aufgepufft betrüget euch
Wo andre Fräuleins Berge haben
Kann hier kein matter Floh sich laben.
Schad’ daß ein Hügelchen den schönen Wuchs befleckt
Das erst vor kurzer Zeit ein Kenneraug’ entdeckt.
In ihrem magern Unterleib
Brummt oft ein Wind zum Zeitvertreib.

Clemens Brentano
Bildquelle: Titelbild Peashooter / pixelio.de

Kommentare:

Walter hat gesagt…

Was mir u. a. sehr gefällt:

Der Schlittschuhlaufende Neger. Trotz des vom Autor selbst vorgegeben Versmaßes ist der Ausdruck locker und der Rhythmus gut. Dies ist keine Anmaßung meinerseits – es wird so empfunden. Gut beobachtet, für den Leser plausibel. Thema. Zeitlos:

"Du, von Gestalt athletisch,
Der oft am Gambia
Den wunderlichen Fetisch
Vom Golde blitzen sah;"
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Moderneres Satire-Beispiel aus “Leidgenossen zwischen Krummer Lanke, Reichstag und Gedächtniskirche“, 2013:

Das Schmierenblatt

Man schreibt sich dort die Finger wund
und macht Gerüchte rund.
Ein Bourgeois
klaut Münzen im Pissoir,
ein Katholik wird Atheist,
ein Schlepper Moralist,
mancher der über den Dingen steht,
Joints aus Cannabis dreht.
Einer steht ohne Makel im Leben
und kassiert in Maskerade eben
Brillis aus ’nem Panzerschrank,
Hartgeld in ’ner Bank
und Scheine gleich im Bund -
na und?
Journalistische Kostbarkeiten
sind gefragt in uns ’ren Zeiten.
So zaubert man ’nen Fuchs zum Hahn
und ab und an
’nen Schakal zum Lamm
und im Fieber der Propaganda
´nen Regenwurm zur Anakonda.

Walter hat gesagt…

"Kennt ihr das Fräulein Dienchen nicht.." oder: Böser böser Brentano - was ist in dich gefahren! Zudem will man gar nicht glauben, dass dieses Gedicht um 1820 entstanden sein soll:

"Ihr dickes Haar ist tölpisch aufgebaut
Doch niemand schimpfe ihre Haut
Sie ist so fein so zart so weiß
Als wie (!) ein alter Hühnersteiß."

Galt dies der Schwiegermutter oder einer zänkischen Cousine?

Was hätte Brentano aus einer Frau wie Solveig gemacht? Hier eine heutige Version:
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Alles für die Katz

Ein Dichter schrieb Gedichte,
schöne Schlichte,
auch Lyrik
mit lyrischem Geschick
und Prosa
über Rosen in Rosa
und Epigramme
für seine Flamme,
die Solveig
vom Laufsteg -
Topmodel
aus Zell an der Mosel,
aufgedonnert
wie ein Gewitter im Sommer.
Für die Katz ist´s gewesen,
Solveig konnte nicht lesen.

Thomas Schmidt

(Aus “Leidgenossen
zwischen Krummer Lanke, Reichstag und Gedächtniskirche“)

Anonym hat gesagt…

Die Bannmeile um den Bundestag

In jener Meile
brennt seit einer Weile
die Bratwurstbude
von Trude.
Schuld am Brand der Hütte
ist ´ne Kippe.
Ein Löschzug stoppt am Rand der Meile -
man eilt nun mit Weile.
„Unerhört -
die Bratwurstbude steht verkehrt!“
Man legt sogleich ein Bandmaß an,
weil man meint, da sei was dran.
Ewiges Gezeter
wegen eines Meters.
Inzwischen kokelt munter
die Bude sich zum Pflaster runter.
Und Trude eilt, man stell sich vor,
zum Brandenburger Tor -
Wasser holend vor der Hand
und liquidiert den Brand.
Ein Häufchen Asche ist der Rest -
geschürt vom Wind zu guter Letzt.
„Nur fürs Brandenburger Tor“,
plärrt die Behörde da im Chor,
„ist der Hydrant da hingebaut
und nicht, dass man dort Wasser klaut!“

Zu klären bleibt nun in der Tat,
ob´s reicht gar für ein Strafmandat.

Thomas Schmidt, Greudnitz

(Aus “Leidgenossen
zwischen Krummer Lanke, Reichstag und Gedächtniskirche“)

Jürgen Lindner hat gesagt…

Hallo,

Gelungene Satire auf die übereifrigen Behörden in Deutschland deren Regulierungssucht so manchmal schon groteske Formen annimmt.

Walter hat gesagt…

Humpeltell oder Namen machen Leute

Bin nur ein kleines Rad,
dem Personalchef adäquat.
Wie ist doch gleich Ihr Name?
Gestatten Sie, dass ich noch krame
in den Akten zur Person?
Ach hier ist er schon,
der Name Humpeltell -
man muss ihn ändern schnell!
Prestige ist hier verlangt -
es ist dass, worum man bangt.
Ihr Zeugnis ist gar prächtig.
So sind Sie fachlich übermächtig
Mitarbeitern im Konzern.
Die haben es nicht gern,
wenn einer überlegen ist,
der lose noch im Sattel sitzt.
Wohlan -
Sie sind unser Mann!
Doch Namen machen Leute,
so ist es heute.
„Humpeltell humpel schnell
mal schleunigst zum Kartell!“
Wolln Sie diesen Witz gern hören?
Kann die Psyche immens stören.
Ham Se für den Humpeltell
nicht ein Kürzel schnell?
Gut wär auch ein Pseudonym -
fürs Image hätt es viel Sinn.
Ich gab mich adlig über Nacht.
Ob es ich Ihnen Mühe macht
dies auch zu tun?
Nun?
Sie sind drüber nicht erbaut,
dass man Adelstitel klaut?
Mit Gloria und Schein
will man hier betrogen sein.
Nehm Se doch den Humpler aus,
dann sieht Ihr Name besser aus.
Mal auf den Tell zurückzukommen:
Haben Sie sich nun besonnen?
Es würde ganz und gar genügen
ein Wilhelm noch vorn anzufügen.

Thomas Schmidt
(Aus "Leidgenossen zwischen Reichstag, Krummer Lanke und Gedächtniskirche")

Walter hat gesagt…

Vielen Dank!
Da geht´s der Presse ebenso - Satire folgt.

Viele Grüße!

Anonym hat gesagt…

Der Autor von "Leidgenossen zwischen Krummer Lanke, Reichstag und Gedächtniskirche", AAVAA-Verlag, 2013, ist Thomas Walter Schmidt aus Greudnitz. Lesungen ab 2015 in Berlin, Leipzig, Dessau und anderen Orten. Inhaltlich: Satirische Kurzgeschichten und Gedichte aus dem Leben gegriffen. Mundart/Dialekt: berlinisch u. teils sächsisch.