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2013-06-03

Gedichte zum Thema Gewitter, Unwetter Teil 1

Gewitterstimmung











Conrad Ferdinand Meyer


Erntegewitter

Ein jäher Blitz. Der Erntewagen schwankt.
Aus seinen Garben fahren Dirnen auf
Und springen schreiend in die Nacht hinab.
Ein Blitz. Auf einer goldnen Garbe thront
Noch unvertrieben eine frevle Maid,
Der das gelöste Haar den Nacken peitscht. 
Sie hebt das volle Glas mit nacktem Arm, 
Als brächte sie's der Glut, die sie umflammt,
Und leerts auf einen Zug. Ins Dunkel wirft 
Sie's weit und gleitet ihrem Becher nach. 
Ein Blitz. Zwei schwarze Rosse bäumen sich. 
Die Peitsche knallt. Sie ziehen an. Vorbei.









Friedrich Martin Bodenstedt

Nach dem Gewitter

Erst eben Donnergerolle
In flammender Wolkenschlacht,
Und nun die zaubervolle
Selige Stille der Nacht!

Es flohen die Ruhestörer
Des Tages vor ihr hin,
Wie die besiegten Empörer
Vor ihrer Königin.

Hell schwimmt im Wasserspiegel
Der ganze Himmelsdom —
Es drückt sein Sternensiegel
Der Himmel ans den Strom.

Nur matt am Himmelssaume
Leuchtet's noch ab und zu,
Wie sich der Geist im Traume
Noch regt in Schlafesruh'.










Gustav Schwab

Das Gewitter

Urahne, Großmutter, Mutter und Kind
In dumpfer Stube beisammen sind;
Es spielet das Kind, die Mutter sich schmückt,
Großmutter spinnet, Urahne gebückt
Sitzt hinter dem Ofen im Pfühl –
Wie wehen die Lüfte so schwül!

Das Kind spricht: »Morgen ist’s Feiertag!
Wie will ich spielen im grünen Hag,
Wie will ich springen durch Tal und Höhn,
Wie will ich pflücken viel Blumen schön;
Dem Anger, dem bin ich hold!« –
Hört ihr’s, wie der Donner grollt?

Die Mutter spricht: »Morgen ist’s Feiertag!
Da halten wir alle fröhlich Gelag‘,
Ich selber, ich rüste mein Feierkleid;
Das Leben, es hat auch Lust nach Leid,
Dann scheint die Sonne wie Gold!« –
Hört ihr’s, wie der Donner grollt?

Großmutter spricht: »Morgen ist’s Feiertag!
Großmutter hat keinen Feiertag.
Sie kochet das Mahl, sie spinnet das Kleid,
Das Leben ist Sorg‘ und viel Arbeit;
Wohl dem, der tat, was er sollt‘!«
Hört ihr’s, wie der Donner grollt?

Urahne spricht: »Morgen ist’s Feiertag!
Am liebsten morgen ich sterben mag:
Ich kann nicht singen und scherzen mehr,
Ich kann nicht sorgen und schaffen schwer,
Was tu‘ ich noch auf der Welt?« –
Seht ihr, wie der Blitz dort fällt?

Sie hören’s nicht, sie sehen’s nicht,
Es flammet die Stube wie lauter Licht:
Urahne, Großmutter, Mutter und Kind
Vom Strahl miteinander getroffen sind,
Vier Leben endet ein Schlag
Und morgen ist’s Feiertag.

Johann Wilhelm Ludwig Gleim


Das Ungewitter 

»Chloe, sieh', die Wolken ziehen«,
Sprach der Schäfer Willibald,
»Liebe Chloe, laß uns fliehen
In den nahgeleg'nen Wald!«
Chloe, jung, von sechzehn Jahren,
Bebt auf ihrem Rasensitz, 
Denn sie fürchtet zwei Gefahren: 

Ihren Schäfer und den Blitz!


Blitze leuchten, Donner rollen,
Schwärzer wird die schwarze Nacht.
»Woll'n wir fliehen?« – Ja, wir wollen! –
Blitze leuchten, Donner kracht!
Chloe zittert, geht und stehet,
Sieht auf ihren Schäferstab;
Auf den Schritten die sie gehet,
Wechselt Lieb' und Schrecken ab.

Nah' am Walde steht sie lange
Vor dem Ungewitter still,
Liebend, vor sich selber bange,
Weiß sie selbst nicht, was sie will;
»In den Wald? Mit ihm, im Stillen? –
Soll ich?« – Endlich, nicht allein,
Macht ein Donnerschlag den Willen
Und sie geht mit ihm hinein!

Und sie sieht's nicht mehr so trübe;
Sie entgeht dem Donnerkeil,
Aber, aber nicht der Liebe!
Amor schärfte seinen Pfeil;
Auserwählt aus allem Volke,
Schoß er ihn auf sie herab!
Aus der Ungewitterwolke
Sah er seinen Vortheil ab!

Aus dem Wald' in ihre Hütte,
Wo die dunklen Linden steh'n,
Sah ich sie mit leisem Tritte
Neben ihrem Schäfer geh'n.
Chloe schlug die Augen nieder,
Hatte Thränen im Gesicht;
Heiter war der Himmel wieder,
Aber Chloe war es nicht!









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