> Gedichte und Zitate für alle: Wanderlieder deutscher Dichter Teil 1

2013-06-05

Wanderlieder deutscher Dichter Teil 1

Wegweiser im Gebirge


Emanuel Geibel


Wer recht in Freuden Wandern will,

Der geh' der Sonn' entgegen!
Da ist der Wald so kirchenstill,
Kein Lüftchen mag sich regen.
Noch sind nicht die Lerchen wach,
Nur im hohen Gras der Bach
Sing leise den Morgensegen.




Die ganze Welt ist wie ein Buch,
Darin uns aufgeschrieben
In bunten Zeilen manch ein Spruch,
Wie Gott uns treu geblieben.
Wald und Blumen, nah und fern
Und der helle Morgenstern
Sind Zeugen von seinem Lieben.

Da zieht die Andacht wie ein Hauch
Durch alle Sinnen leise;
Da pocht ans Herz die Liebe auch
In ihrer stillen Weise,
Pocht und pocht bis sich's erschließt
Und die Lippe überfließt
Von lautem, jubelnden Preise.

Und plötzlich läßt die Nachtigall
Im Busch ihr Lied erklingen;
In Berg und Tal erwacht der Schall
Und will sich aufwärts schwingen,
Und der Morgenröte Schein
Stimmt in lichter Glut mit ein:
"Laßt uns dem Herrn lobsingen!"

Der Spieß, der hat ein dickes Buch,
Darin ist aufgeschrieben:
Wer seine Stiefel nicht geputzt
Und wer vom Dienst geblieben;
Noch ist nicht der Hauptmann wach,
Und der Spieß, der schlägt schon Krach,
Das ist unser Morgensegen!














Johann Gottfried Herder

Der Wald und der Wanderer

Der Wald.

Komm, o komm in meine Schatten,
In der Ruhe Aufenthalt,
Wanderer der heißen Straße,
Wo Dein Herz unruhig wallt.

Meine frischen Zweige wehen
Lebenskraft dem Matten zu,
Und mein Athem duftet Balsam,
Neuen Muth und süße Ruh.

Schöner geht die Sonne nieder
Hinter meiner grünen Nacht;
Schöner kommt der Morgen wieder,
Wenn der Vögel Chor erwacht.

Schöner blinkt in mir die Quelle
Und der einsam stille See,
Wo die treue Turteltaube
Girret Deines Herzens Weh.

Der Wanderer.

Rauschen Geister in den Lüften?
Spricht die Nymphe mir im Quell?
Oder steigen Götter nieder?
Denn mein Blick wird rein und hell.

Mit der Fichte Gipfel steiget
Meine Seele himmelwärts;
Mit der Birke Zweigen neiget
Sanft zur Ruhe sich mein Herz.

Und die grüne Fußtapete
Wiegt mich ein auf seidnem Moos;
Neben dieser goldnen Blume
Bin ich selig, und wie groß!

Horch! aus jener alten Eiche
Tönt ein Bardenton hervor,
Und der Fichten Gipfel sausen
Himmlischer; der Wald wird Chor:

»Wir, des Paradieses Geister,
In der Ruhe Aufenthalt,
Segnen Dich. Genieße fröhlich
Unsern heil'gen stillen Wald!"













Johann Wolfgang v. Goethe


Bleibe nicht am Boden heften
Frisch gewagt und frisch hinaus!
Kopf und Arm mit heitern Kräften
Überall sind sie zu Haus;
Wo wir uns der Sonne freuen,
Sind wir jede Sorge los,
Dass wir uns in ihr zerstreuen,
Darum ist die Welt so groß.














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