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2013-07-19

C. F. Meyer-Fingerhütchen: Liebe Kinder, wißt ihr, wo.........(6)




Conrad Ferdinand Meyer

Liebe Kinder, wißt ihr, wo 
Fingerhut zu Hause? 
Tief im Tal von Acherloo 
hat er Herd und Klause; 
aber schon in jungen Tagen 
muß er einen Höcker tragen; 
geht er, wunderlicher nie 
wallte man auf Erden! 
Sitzt er, staunen Kinn und Knie, 
daß sie Nachbarn werden.

Körbe flicht aus Binsen er, 
früh und spät sich regend, 
trägt sie zum Verkauf umher 
in der ganzen Gegend, 
und er gäbe sich zufrieden, 
wär' er nicht im Volk gemieden; 
denn man zischelt mancherlei: 
daß ein Hexenmeister, 
daß er kräuterkundig sei 
und im Bund der Geister.

Solches ist die Wahrheit nicht, 
ist ein leeres Meinen; 
doch das Volk im Dämmerlicht 
schaudert vor dem Kleinen. 
So die Jungen wie die Alten 
weichen aus dem Ungestalten - 
doch vorüber wohlgemut 
auf des Schusters Räppchen 
trabt er. Blauer Fingerhut 
nickt von seinem Käppchen.

Einmal geht er heim bei Nacht 
nach des Tages Lasten, 
hat den halben Weg gemacht, 
darf ein bißchen rasten, 
setzt sich und den Korb daneben, 
schimmernd hebt der Mond sich eben: 
Fingerhut ist gar nicht bang, 
ihm ist gar nicht schaurig, 
nur daß noch der Weg so lang, 
macht den Kleinen traurig.

Etwas hört er klingen fein 
nicht mit rechten Dingen, 
mitten aus dem grünen Rain 
ein melodisch Singen: 
"Silberfähre, gleitest leise" - 
Schon verstummt die kurze Weise. 
Fingerhütchen spähet scharf 
und kann nichts entdecken, 
aber was er hören darf, 
ist nicht zum Erschrecken.

Wieder hebt das Liedchen an 
unter Busch und Hecken, 
doch es bleibt der Reimgespan 
stets im Hügelstecken. 
"Silberfähre, gleitest leise" - 
Wiederum verstummt die Weise. 
Lieblich ist, doch einerlei 
der Gesang der Elfen, 
Fingerhütchen fällt es bei, 
ihnen einzuhelfen.

Fingerhütchen lauert still 
auf der Töne Leiter, 
wie das Liedchen enden will, 
führt er leicht es weiter: 
"Silberfähre, gleitest leise" - 
"Ohne Ruder, ohne Gleise." 
Aus dem Hügel ruft's empor: 
"Das ist dir gelungen!" 
Unterm Boden kommt hervor 
kleines Volk gesprungen.

"Fingerhütchen, Fingerhut", 
lärmt die tolle Runde, 
"faß dir einen frischen Mut! 
Günstig ist die Stunde! 
Silberfähre, gleitest leise 
ohne Ruder, ohne Gleise! 
Dieses hast du brav gemacht, 
lernet es, ihr Sänger! 
Wie du es zustand gebracht, 
hübscher ist's und länger!

Zeig dich einmal, schöner Mann! 
Laß dich einmal sehen! 
Vorn zuerst und hinten dann! 
Laß dich einmal drehen! 
Weh! Was müssen wir erblicken! 
Fingerhütchen, - welch ein Rücken! 
Auf der Schulter, liebe Zeit, 
trägst du grause Bürde! 
Ohne hübsche Leiblichkeit 
was ist Geisteswürde?

Eine ganze Stirne voll 
glücklicher Gedanken, 
unter einem Höcker soll 
länger sie nicht schwanken! 
Strecket euch, verkrümmte Glieder! 
Garstger Buckel, purzle nieder! 
Fingerhut, nun bist du grad, 
deines Fehls genesen! 
Heil zum schlanken Rückengrat! 
Heil zum neuen Wesen!"

Plötzlich steckt der Elfenchor 
wieder tief im Raine, 
aus dem Hügelrund empor 
tönt's im Mondenscheine: 
"Silberfähre, gleitest leise 
ohne Ruder, ohne Gleise." 
Fingerhütchen wird es satt, 
wäre gern daheime, 
er entschlummert blaß und matt 
an dem eignen Reime.

Schlummert eine ganze Nacht 
auf derselben Stelle; 
wie er endlich auferwacht, 
scheint die Sonne helle: 
Kühe weiden, Schafe grasen 
auf des Elfenhügels Rasen. 
Fingerhut ist bald bekannt, 
läßt die Blicke schweifen, 
sachte dreht er dann die Hand, 
hinter sich zu greifen.

Ist ihm Heil im Traum geschehn? 
Ist das Heil die Wahrheit? 
Wird das Elfenwort bestehn 
vor des Tages Klarheit? 
Und er tastet, tastet, tastet: 
Unbebürdet! Unbelastet! 
"Jetzt bin ich ein grader Mann!" 
jauchzt er ohne Ende, 
wie ein Hirschlein jagt er dann 
über Feld behende.

Fingerhut steht plötzlich still, 
tastet leicht und leise, 
ob er wieder wachsen will? 
Nein, in keiner Weise! 
Selig preist er Nacht und Stunde, 
da er sang im Geisterbunde - 
Fingerhütchen wandelt schlank, 
gleich als hätt' er Flügel, 
seit er schlummernd niedersank 
nachts am Elfenhügel.

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