> Gedichte und Zitate für alle: Deutsche Autoren in Gedichten zur Lust (5) R.Dehmel, K.Kraus, K.Tucholsky

2013-07-21

Deutsche Autoren in Gedichten zur Lust (5) R.Dehmel, K.Kraus, K.Tucholsky






Richard  Dehmel 

Bekenntnis

Ich will ergründen alle Lust,
so tief ich dürsten kann;
ich will sie aus der ganzen Welt
schöpfen, und stürb' ich dran.

Ich will's mit all der Schöpferwut,
die in uns lechzt und brennt;
ich will nicht zähmen meiner Glut
heißhungrig Element.

Ward ich durch frommer Lippen Macht,
durch zahmer Küsse Tausch?
Ich war erzeugt in wilder Nacht
und großem Wollustrausch!

Und will nun leben so der Lust,
wie mich die Lust erschuf,
Schreit nur den Himmel an um mich
ihr Beter von Beruf!


Richard Dehmel

Wollust

In wüster Schmach Vergeudung heiliger Glut
ist Wollust, wenn sie praßt; und eh sie praßt,
roh, schamlos, tierisch, aller Welt zur Last,
meineidig, tückisch, voller Gier nach Blut.
Gesättigt kaum, von Ekel schon gehetzt;
sinnlose Lüsternheit und, kaum verraucht,
sinnlose Düsterkeit, in Wut getaucht,
als hätt ein Tollwurm die Vernunft zerfetzt.
Wahnwitz im Rausch, Wahnwitz in Wunsch und Wahl,
maßlos im Taumel vor, nach, in der Brunst,
erdürstet Überglück, genossen Dunst,
verzückt vor Wonne, dann erdrückt von Qual –
Ach! Jeder kennt und Jeder geht den Weg:
zu dieser Hölle diesen Himmelssteg.
Karl Kraus

Abschied und Wiederkehr

O f f e n b a r u n g

Löst sich die Lust von ihrem letzten Lohn,
so klammert sich ans Herz ein Klageton.

O ewiger Abschied ewiger Wiederkehr —
wohin entrinnst du und wo kommst du her!

Du Echo, das mit einer Nymphe ruft
in der Geschlechter unnennbare Kluft!

Du Stimme, die mit einer Nymphe weint,
weil die Natur so trennt, was sie vereint —

Schmerzvoller Nachhall der Unendlichkeit!
Du Angst des Blickes in die Endlichkeit!

Durch alle Schöpfung blutet dieser Riß —
Echo klagt immer wieder um Narziß.

Hat es der Schöpfer denn gewollt, gewußt?
Lust so von Lust verkürzt, ergibt Verlust.

 Lebendige Lust, du klagst am Sarg der Lust,
von deren Tod du selber sterben mußt.

Du Grabwind, Leid und Lied zum eignen Grab,
du willst nicht in den finstem Tag hinab.

So leuchtend war die Nacht; der Tag ist grau.
Entläßt die Nacht den Tag, so weint sie Thau.

Stumm ist die Wonne, der das Wort entspringt.
Lust weckt den Geist, der ihr kein Wort entringt.

Du letzter Laut, der mir von weit her spricht,
mir wird die Sprache, du bist das Gedicht!

Du reichstes Glück, das im Gewinn verlor,
du größte Kraft, die an der Glut erfror,

du Augenblick der Liebestodesangst,
der du dich selber zu verlieren bangst —

verweile Augenblick, du bist so schön!
Ich sag's zu ihm. Ich hab das Aug gesehn!

L e g e n d e

Doch ist er fort. Sie hat ihn mitgenommen
beim Abschied ihrer selbst. Ich stand beklommen.

Wie alles Licht in Rauch und Nebel schwand —-
ein armes Hündchen plötzlich vor mir stand.

Sah zu mir auf und hatte ihren Blick.
Ließ sie mir ihn als Unterpfand zurück?

Und wie es wimmernd immer zu mir schaut,
so war’s ihr Schmerz, so war’s ihr Klagelaut.

Ihr Abschied war’s und war ihr Wiedersehn –
die Zeit bleibt stehn, ein Wunder ist geschehn.

Dies Auge, diesen Ton hab ich gekannt!
Vergehendes ist in die Zeit gebannt.

Die lustverlorne Göttin ward ein Schall;
er rief mich aller Wände aus dem All.

Nun ruf’ ich ihn zurück; ich warte hier –
da ruft er mich verwandelt aus dem Tier.

Wir kennen uns, ich und die Kreatur –
es ist ein Wunder: glaubet, glaubet nur!

Die letzte Spur vom Glück ist neues Glück.
Das Echo ging, ein Echo blieb zurück.

Leid klagt um Lust, ich klage um das Leid;
nun ist es da, so ist die Lust nicht weit.

Verlorner Lust verlorne Klage klingt.
Ich höre nur, daß jetzt ein Engel singt.

Verlorner Lust verlorner Ton ertönt.
Ich sehe eine Seele, die sich sehnt

und wiederkehrt. Der Abschied ist ein Spiel.
Sie ging und suchte, bis sie hin zum Ziel,

vorbei der Menschheit, irdisch unerkannt,
den Weg durch ein verlornes Hündchen fand.

Kurt Tucholsky

Daß man nicht alle haben kann –!
Wie gerne möcht ich Ernestinen
Als Schemel ihrer Lüste dienen!
Und warum macht mir Magdalene,
Wenn ich sie frage, eine Szene?
Von jener Lotte ganz zu schweigen –
Ich tät mich ihr als Halbgott zeigen.
Doch bin ich schließlich ein Stück Mann...
Daß man nicht alles haben kann –!

Gewiß: der Spiegel ist etwas alt.
Ich weiß, daß zwischen Spree und Elbe
Das Dramolet je stets dasselbe,
Doch denk ich alle, alle Male:
Entfern ich diesmal nur die Schale –
Was wird sich deinen Blicken zeigen?
Was ist, wenn diese Lippen schweigen?
Nur diesmal greifts mich mit Gewalt...
(Gewiß: das Spiel ist etwas alt.)

Daß man nicht alles haben kann –!
Das läßt sich zeitlich auch nicht machen...
Ich weiß, jetzt wirst du wieder lachen!
Ich komm doch stets nach den Exzessen
Zu Dir und kann dich nicht vergessen.
So gib mir denn nach langem Wandern
Die Summe aller jener andern.
Sei du die Welt für einen Mann...
Weil er nicht alle haben kann.






Lesen Sie auch: 

Lust Teil 2

Lust Teil 4


Keine Kommentare: