> Gedichte und Zitate für alle: Die Reise im Spiegel deutscher Gedichte T4

2013-07-18

Die Reise im Spiegel deutscher Gedichte T4








Otto Erich Hartleben

Auf Reisen

 Die Sonne lag noch auf den Strassen,
es war am hohen, reifen Tag;
ein stummer Jubel ohne Massen
erhöhte meines Herzens Schlag.
Es klang in mir ein Spiel der Sinne
aus Kinderlust und Manneskraft,
und stolz und wonnig ward ich inne
des Glücks der freien Wanderschaft.

Kein banger Führer, der mich leiten,
kein Freund, der mich begleiten darf;
mein sind die Höhen, mein die Weiten,
rauh weht die Luft, so frisch und scharf.
Und dennoch süss mit sanften Mächten
dringt Sonnenwärme tief ins Herz,
und wie ein Traum aus fernen Nächten
verschwindet jeder alte Schmerz.
Paul Heyse

So reisen wir ins Land hinein

 So reisen wir ins Land hinein
Bei Sonn' und Mond und Blitzesschein,
Und immer reist auf Schritt und Tritt
Ein kleiner blasser Schatten mit.

Und wo die Erde schöner blüht,
Sein Mündchen weher zuckt und glüht,
Und wo die Sonne goldner lacht,
Sucht er uns trüber heim zu Nacht.

Was suchst du, blasser Schatten, hier,
Du kleiner blinder Passagier?
Ach, dir versagt ist alle Lust,
Und uns erstarrt dein Hauch die Brust.

Wie war dein Auge warm und hell,
Ein Lebenswonnenzauberquell!
Und jetzt – o hab Erbarmen, Kind!
Du siehst ja, wie wir elend sind.

Wir drängen dich ja nicht zurück,
Doch komm mit sanftem Geisterblick,
Nicht alles Holden ganz beraubt! –
Umsonst! Er schüttelt still das Haupt.

Sein armes bleiches Mündchen bebt:
Wie habt ihr nur mich überlebt!
Nun komm' ich, wie ich kommen muß,
Nun haltet Treue bis zum Schluß. –

So reisen wir ins Land hinein
Bei Sonn' und Mond und Blitzesschein,
Und mit uns wandert unser Kind,
Bis auch wir andern Schatten sind.

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