> Gedichte und Zitate für alle: Rilke, Haller und Falke in Gedichten an ihre Mutter Teil 6

2013-07-16

Rilke, Haller und Falke in Gedichten an ihre Mutter Teil 6






Gustav Falke

Meiner Mutter

Du warst allein,
ich sah durchs Schlüsselloch
den matten Schein
der Lampe noch.

Was stand ich nur und trat nicht ein?
Und brannte doch,
und war mir doch, es müßte sein,
daß ich noch einmal deine Stirne strich
und zärtlich flüsterte: Wie lieb ich dich!

Die alte böse Scheu,
dir ganz mein Herz zu zeigen,
sie quält mich immer neu.
Nun lieg ich durch die lange Nacht
und horche in das Schweigen -
ob wohl dein weißes Haupt noch wacht?

Und einmal hab ich leis gelacht:
Was sorgst du noch,
sie weiß es doch,
sie hat gar feine Ohren,
ihr geht von deines Herzens Schlag,
obwohl die Lippe schweigen mag,
auch nicht ein leiser Ton verloren.

Paul Haller

An die Mutter

Mütterlein, denkst du daran,
Wie in den Tagen, die hinter uns liegen,
In all den Jahren, die hinter uns liegen,
Du so gerne lächelnd gescherzt?

Hinter uns liegt eine Zeit. –
Willst dem Guten die Ruh mißgönnen,
Die Ruh vergönnen, die lind ihn umfangen,
Als ihn der Bote vom Leben rief?

Wenn ich im Schweigen der Nacht
Fern über Bergen dich weinen höre,
Dich weinen höre in ängstlicher Kammer,
Bohrt mir ein Feuer die Seele durch.

Vor uns liegt eine Zeit.
Willst du in all den Tagen, die kommen,
Mütterlein! in den Jahren, die kommen,
Uns nicht wieder dein Lächeln zeigen?



Rainer Maria Rilke

Meine Mutter

Ach weh, meine Mutter reißt mich ein.
Da hab ich Stein auf Stein gelegt
und stand schon wie ein kleines Haus,
um das sich groß der Tag bewegt;
sogar allein.

Nun kommt die Mutter, kommt und reißt mich ein.
Sie reißt mich ein, indem sie kommt und schaut.
Sie sieht nicht, daß da einer baut.
Sie geht mir mitten durch die Wand von Stein.
Ach wehe, meine Mutter reißt mich ein.

Die Vögel fliegen leichter um mich her;
die fremden Hunde wissen: der ist der.
Nur einzig meine Mutter kennt es nicht,
mein langsam mehr gewordenes Gesicht.

Von ihr zu mir war nie ein warmer Wind;
sie lebt nicht dorten, wo die Lüfte sind.
Sie liegt in einem hohen Herzverschlag,
und Christus kommt und wäscht sie jeden Tag.



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