> Gedichte und Zitate für alle: Der große Mann- Gedichte deutscher Dichter zum Thema Mann/Männer 6

2013-08-20

Der große Mann- Gedichte deutscher Dichter zum Thema Mann/Männer 6


Teil 6




Gotthold Ephraim Lessing

Der größte Mann

Last uns den Priester Orgon fragen:
Wer ist der größte Mann?
Mit stolzen Mienen wird er sagen.
Wer sich zum kleinsten machen kann.

Last uns den Dichter Kriton hören:
Wer ist der größte Mann?
Er wird es uns in Versen schwören:
Wer ohne Mühe reimen kann.

Last uns den Hofmann Damis fragen:
Wer ist der größte Mann?
Er bückt sich lächelnd; das will sagen:
Wer lächeln und sich bücken kann.

Wollt ihr vom Philosophen wissen,
Wer ist der größte Mann?
Aus dunkeln Reden müßt ihr schließen:
Wer ihn verstehn und grübeln kann.

Was darf ich jeden Toren fragen:
Wer ist der größte Mann?
Ihr seht, die Toren alle sagen:
Wer mir am nächsten kommen kann.

Wollt ihr den klügsten Toren fragen:
Wer ist der größte Mann?
So fraget mich; ich will euch sagen:
Wer trunken sie verlachen kann.
Anna Louisa Karsch

An ihren ersten Mann

Erlaube, werther Schatz, daß ich für allen Dingen
Aus ganz besonderm Trieb und dir ergebnen Pflicht,
Darf meine Schuldigkeit durch diese Zeilen bringen,
Weil ein erfreuter Tag erscheint mit seinem Licht,
Ein Tag, an welchem du zuerst die Welt erblicket,
Ein Tag, der uns zugleich auch deinen Namen zeigt,
Den hast du abermals erlebet höchst beglücket,
Darum mein Herze sich zugleich mit dir erfreut.
Dein Wohlergehen kann auch meinen Geist ergötzen,
Und dein Vergnügen macht daß sich der schwache Kiel
Mit tausend Freuden tut in schwarzer Dinte netzen,
Wenn ich zu diesen Tag dir gratuliren will.
Drum leg ich diesen Wunsch zu deiner Freude bei:
Der Himmel kröne dich mit stetem Wohlergehen,
Er mache deinen Geist von aller Unlust frei,
Und lasse lauter Glück an deiner Seite stehen.
Er lasse diesen Tag dich oftmals überleben
Und überschütte dich mit tausend Gütigkeit;
Und endlich wolle dir der Höchste alles geben,
Was dir mein Herze wünscht, und dich nur selbst erfreut.
Indessen bitt ich nimm doch dieses gütig an,
Was hier die treue Hand aus Liebe überreicht,
Weil ich für dieses mal nichts Beßres geben kann,
So nimm es gütig hin und bleibe mir geneigt.
Gottfried August Bürger

Der große Mann

Es ist ein Ding, das mich verdreußt,
Wenn Schwindel oder Schmeichelgeist
Gemeines Maß für großes preist.

Du, Geist der Wahrheit, sag es an:
Wer ist, wer ist ein großer Mann?
Der Ruhmverschwendung Acht und Bann!

Der, dem die Gottheit Sinn beschert,
Der Größe, Bild, Verhalt und Wert,
Und aller Wesen Kraft ihm lehrt;

Des weit umfassender Verstand,
Wie einen Ball mit hohler Hand
Ein ganzes Weltsystem umspannt;

Der weiß, was Großes hie und da,
Zu allen Zeiten, fern und nah,
Und wo, und wann, und wie geschah;

Der Mann, der die Natur vertraut,
Gleichwie ein Bräutigam die Braut,
An allen Reizen nackend schaut;

Und warm an ihres Busens Glut,
Vermögen stets und Heldenmut
Und Lieb und Leben saugend, ruht;

Und nun, was je ein Erdenmann
Für Menschenheil gekonnt und kann,
Wofern er will, desgleichen kann;

Dabei in seiner Zeit und Welt,
Wo sein Beruf ihn hingestellt,
Durch Tat der Kunst die Waage hält:

Der ist ein Mann, und der ist groß!
Doch ringt sich aus der Menschheit Schoss
Jahrhundertlang kaum Einer los.

Keine Kommentare: