> Gedichte und Zitate für alle: Kam Frau Sehnsucht still heran- Deutsche Gedichte (17)

2013-08-25

Kam Frau Sehnsucht still heran- Deutsche Gedichte (17)


Teil 17





Karl Henckel

Frau Welt

 Ein blasiertes Gedicht

Frau Welt beschloss, nicht mehr zu sein,
Der Fluß der Dinge schafft ihr Pein.

Sie grollte: »Allem schlägt die Stunde,
Nur ich geh' nimmermehr zugrunde.

Was sich auch wandelt für und für,
Nur mir winkt keine Ausgangstür.

Das ist ein ewiges Geflute –
Unheimlich schier wird mir zumute.

Wo harrt mein Grab, wo find' ich Ruh?
Im Gange bleib' ich immerzu.

Ist denn kein Doktor aufzutreiben,
Mir Weltarsenik zu verschreiben?«

Sie raufte sich ihr Nebelhaar,
Das währte zehn Millionen Jahr.

Sie biß sich auf die Himmelslippen,
Sie schlug sich auf die Höllenrippen,

Indes sie: »Weh, Welt! Weh, Welt!« sang.
Das dauerte Milliarden lang.

Wie sie auch aufstieß mit den Füßen,
Herr Nichts vermied, sie zu begrüßen.

Matt sank aufs Sofa sie zurück:
»Ich bin und bleib ein Schelmenstück.

Bin schon so gräßlich alt geworden
Und darf mich nicht mal selbst vermorden.

Reicht keiner den Erlösungstrank,
Werd' ich vor Tiefsinn geisteskrank ...«

Frau Welt beschloß, zu resignieren
Und Schopenhauer zu studieren.
Anton Lindner

Frau Sehnsucht

Kam Frau Sehnsucht still heran,
Sah mich an.

Saß an meines Bettes Ende,
Glühend wichen rings die Wände –
Und sie hob die bleichen Hände,
Hob sie durch die schwarze Nacht,
Sanft und sacht.

Und mich würgten tausend Schlangen,
Wühlten mir um Stirn und Wangen –
Und die Cello-Töne klangen,
Klangen zitternd, Stich um Stich,
Und sie strich:

»Horch, horch auf … Die Palmen schauern!
»Wo die grauen Zelte trauern,
»Braune Leoparden lauern,
»Geht ein Flüstern … Dämmerfahl
»Bebt mein Tal.

»Wo sich bunte Mädchen wiegen,
»Wilde Sterne flackern, fliegen,
»Leuchtend in den Teichen liegen,
»Bebt mein Land und lockt mein Sang
»Nächtelang.

»Horch, horch auf … die Stunden gleiten –
»Und du siehst in Dämmerweiten
»Venus, meine Fürstin, schreiten …
»Und sie winkt mit bleichem Kranz,
»Winkt zum Tanz.

»Und du hörst die Quellen klingen,
»Leise knospen dir die Schwingen,
»Lass uns tanzen, tanzen, springen –
»Kling und Klang … den schönsten Lauf
«Spiel ich auf …«

Also spielt sie Tage, Wochen,
Dass mir wild die Pulse pochen,
Spielt wohl, bis mein Herz gebrochen, –
Und Frau Venus, bleich und nackt,
Schlägt den Takt.


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