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2013-09-17

A. v. Chamisso-Die Sonne bringt es an den Tag- Gedichte zu Thema Sonne 13








Adelbert von Chamisso

Die drei Sonnen

 Es wallte so silbernen Scheines
  Nicht immer mein lockiges Haar,
 Es hat ja Zeiten gegeben,
  Wo selber ich jung auch war.

5Und blick ich dich an, o Mädchen,
  So rosig und heiter und jung,
 Da taucht aus vergangenen Zeiten
  Herauf die Erinnerung.

 Die Mutter von deiner Mutter --
10 Noch sah ich die Schönere nicht,
 Ich staunte sie an, wie die Sonne,
  Geblendet von ihrem Licht.

 Und einst durchbebte mit Wonne
  Der Druck mich von ihrer Hand,
15Sie neigte darauf sich dem andern,
  Da zog ich ins fremde Land.

 Spät kehrt ich zurück in die Heimat,
  Ein Müder nach irrem Lauf,
 Es stieg am heimischen Himmel
20 Die andere Sonne schon auf.

 Ja deine Mutter, o Mädchen, --
  Noch sah ich die Schönere nicht,
 Ich staunte sie an, wie die Sonne,
  Geblendet von ihrem Licht.

25Sie reichte mir einst die Stirne
  Zum Kusse, da zittert ich sehr,
 Sie neigte darauf sich dem andern,
  Da zog ich über das Meer.

 Ich habe verträumt und vertrauert
30 Mein Leben, ich bin ein Greis,
 Heim kehr ich, die dritte Sonne
  Erleuchtet den Himmelskreis.

 Du bist es, o Wonnereiche;
  Noch sah ich die Schönere nicht,
35Ich schaue dich an, wie die Sonne,
  Geblendet von deinem Licht.

 Du reichst mir zum Kusse die Lippen,
  Mitleidig mir wohl zu tun,
 Und neigst dich dem andern, ich gehe
40 Bald unter die Erde, zu ruhn.
Adelbert von Chamisso

Die Sonne bringt es an den Tag

 Gemächlich in der Werkstatt saß
 Zum Frühtrunk Meister Nikolas,
 Die junge Hausfrau schenkt' ihm ein,
 Es war im heitern Sonnenschein. –
    Die Sonne bringt es an den Tag.

 Die Sonne blinkt von der Schale Rand,
 Malt zitternde Kringeln an die Wand,
 Und wie den Schein er ins Auge faßt,
 So spricht er für sich, indem er erblaßt:
    »Du bringst es doch nicht an den Tag.«

 »Wer nicht? Was nicht?« die Frau fragt gleich,
 »Was stierst du so an? was wirst du so bleich?«
 Und er darauf: »Sei still, nur still;
 Ich's doch nicht sagen kann, noch will.
     »Die Sonne bringt's nicht an den Tag.«

 Die Frau nur dringender forscht und fragt,
 Mit Schmeicheln ihn und Hadern plagt,
 Mit süßem und mit bitterm Wort,
 Sie fragt und plagt ihn fort und fort:
   »»Was bringt die Sonne nicht an den Tag?«

 »Nein, nimmermehr!« – »Du sagst es mir noch!« –
 »Ich sag es nicht.« – »Du sagst es mir doch.« –
 Da ward zuletzt er müd und schwach,
 Und gab der Ungestümen nach. –
   »Die Sonne bringt es an den Tag.

 »Auf der Wanderschaft, 's sind zwanzig Jahr,
 Da traf es mich einst gar sonderbar,
 Ich hatt nicht Geld, nicht Ranzen, noch Schuh',
 War hungrig und durstig und zornig dazu. –
   »Die Sonne bringt's nicht an den Tag.

 Da kam mir just ein Jud in die Quer,
 Ringsher war's still und menschenleer:
 Du hilfst mir, Hund, aus meiner Not;
 Den Beutel her, sonst schlag ich dich tot!
   »Die Sonne bringt's nicht an den Tag.

 Und er: Vergieße nicht mein Blut,
 Acht Pfennige sind mein ganzes Gut!
 Ich glaubt ihm nicht, und fiel ihn an;
 Es war ein alter, schwacher Mann –
   »Die Sonne bringt's nicht an den Tag.

 So rücklings lag er blutend da,
 Sein brechendes Aug in die Sonne sah;
 Noch hob er zuckend die Hand empor,
 Noch schrie er röchelnd mir ins Ohr:
   »Die Sonne bringt es an den Tag.

 Ich macht ihn schnell noch vollends stumm,
 Und kehrt ihm die Taschen um und um:
 Acht Pfenn'ge, das war das ganze Geld.
 Ich scharrt ihn ein auf selbigem Feld –
   »Die Sonne bringt's nicht an den Tag.

 Dann zog ich weit und weiter hinaus,
 Kam hier ins Land, bin jetzt zu Haus. –
 Du weißt nun meine Heimlichkeit,
 So halte den Mund und sei gescheit;
    »Die Sonne bringt's nicht an den Tag.

 Wann aber sie so flimmernd scheint,
 Ich merk es wohl, was sie da meint,
 Wie sie sich müht und sich erbost, –
 Du, schau nicht hin, und sei getrost:
     »Sie bringt es doch nicht an den Tag.«

 So hatte die Sonn eine Zunge nun,
 Der Frauen Zungen ja nimmer ruhn. –
 Gevatterin, um Jesus Christ!
 Laßt Euch nicht merken, was Ihr nun wißt. –
Nun bringt's die Sonne an den Tag.

 Die Raben ziehen krächzend zumal
 Nach dem Hochgericht, zu halten ihr Mahl.
 Wen flechten sie aufs Rad zur Stund?
 Was hat er getan? Wie ward es kund?
Die Sonne bracht es an den Tag.

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