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2013-09-25

Gedichte zum Heimweh- Emanuel Geibel (7)






Emanuel Geibel

Heimweh

 O Heimatliebe, Heimatlust,
Du Born der Sehnsucht unergründet,
Du frommer Strahl, in jeder Brust
Vom Himmel selber angezündet,
Gefühl, das wie der Tod so stark
Uns eingesenkt ward bis ins Mark,
Das uns das Tal, da wir geboren,
Mit tausendfarb'gem Schimmer schmückt,
Und wär's im Steppensand verloren,
Und wär's von ew'gem Schnee gedrückt:
Wohl keinem ward zum tiefsten Grunde
Von deiner Allgewalt die Kunde,
Der pilgernd nie aus seinem Ohr
Der Muttersprache Laut verlor
Und nie, an fremder Tür gesessen,
Der Fremde bittres Brot gegessen.

Doch wer vom eignen Herd verbannt
Irrt in ungastlich fernem Land,
Der Wandrer, der auf wüstem Meer
Nur Luft und Wasser sieht umher,
Der Pilger, der mit kecken Sinnen
Durch Wälder, über Bergeszinnen
Auf irrem Pfad zu weit geschweift.
Der ist s, den deine Macht ergreift;
Doch wandelt ihm sich im Gemüte
Zum scharfen Dorn die Rosenblüte,
Du ziehst, o milde Heimatlust,
Als Heimweh durch die kranke Brust.

Dann bist du's, die im Frühlingswalde,
Im Veilchenhag, umspielt vom West,
Das arme Kind der eis'gen Halde
Nach seinem Norden schmachten läßt;
Dann bist du's, die mit herber Flamme
Des Polenflüchtlings Herz verzehrt,
Und die dem Sohn von Judas Stamme
Im Tod die Füße ostwärts kehrt,
Als möcht' er sterbend noch erstreben
Das Land, das ihm versagt im Leben;
Dann lockst du, klingt im Mondenglanze
Des Alphorns heimatsel'ger Gruß,
Zu Straßburg von der hohen Schanze
Den Schweizer in den wilden Fluß,
Und von den Klängen, von den Wogen
Wird er in seinen Tod gezogen.

Ich selber hab' in vor'gen Jahren
Dies wundersame Weh erfahren,
Da Ägeus' Flut wie lautres Gold
Zu meinen Füßen noch gerollt.
O, wohl ist's schön an jenem Meer!
Die schlanke Palme sah ich ragen,
Der Tempel Säulentrümmer lagen
Umblüht von Rosen um mich her;
Der Himmel wölbte sich kristallen,
Von Düften schien die Luft zu wallen,
Zu leisem Zitherschlag erklang
Vom Meer des Fischers Abendsang,
Der in der Bark' auf lichter Spur
Gen Salamis hinüberfuhr.
Und doch! ich fühlte keine Lust,
Es schlich ein krankhaft brennend Sehnen
Wie Fieberhauch durch meine Brust,
Und kaum erwehrt' ich mich der Tränen.
Ich saß auf zack'gem Fels und lauschte,
Ob nicht aus Nord ein Lüftchen rauschte;
Das sog ich durstig atmend ein,
Als ob's mich tief erquicken müßte;
Es konnte ja zur fernen Küste
Ein Gruß aus Deutschlands Wäldern sein.

Und ward es still, dann blickt' ich wieder
Hinab ins Buch auf meinen Knien
Und ließ die alten goldnen Lieder
Homers durch meine Seele ziehn;
Den eignen Schmerz dann fühlt' ich mit
Im Jammer, den der Dulder litt,
Ich sucht' ihn in des Sängers Tönen
Zugleich mit jenem zu versöhnen.
Da wurdest du in meinem Weh
Mir oftmals Hoffnung, Trost und Steuer,
Du ewig Lied der Abenteuer,
Du Lied des Heimwehs, Odyssee!
Emanuel Geibel

Des Auswanderers Heimweh

Weh mir, das ich vom Wahne
mein Herz betören ließ,
der überm Ozeane
mir eitel Glück verhieß!
Ich dacht zu finden Gold wie Spreu
und Freiheit weit und breit;
nun hab ich gefunden nichts als Reue;
O Deutschland,
Deutschland, wie liegst du so weit!

Sie sind wohl klug hierüben
und rüstig zum Gewinn;
doch Freuen und Betrüben
hat alles andern Sinn.
Im Lärm und Qualm der großen Stadt,
wer rät mein einsam Leid?
Ich bin wie ein verwehtes Blatt;
O Deutschland,
Deutschland, wie liegst du so weit!

Ich sah ein Schiff im Hafen,
gen Aufgang nahm es Fracht;
da konnt ich nimmer schlafen
die lange, bange Nacht.
Gedenken mußt ich fort und fort
an meine junge Zeit
und an mein trotzig Abschiedswort;
O Deutschland,
Deutschland, wie liegst du so weit!

Nun laubt wohl just die Linde
dort an der Mühl im Tal,
wo ich mit meinem Kinde
gesessen tausendmal.
Und tiefer, tiefer Bach hinab
am Kirchlein blühn zur Seit
die Veilchen auf der Mutter Grab;
O Deutschland,
Deutschland, wie liegst du so weit!

Ach, dürft am Berg ich wieder
dort hinterm Pfluge gehen,
vom stillen Waldhang nieder
den Rauch der Hütten sehn,
wie wollt ich schaffen unverzagt
und abtun Sorg und Leid!
Nun sterb ich hin, - Gott seis geklagt 
O Deutschland,
Deutschland, wie liegst du so weit!

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