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2013-09-21

Rainer Maria Rilke- Gedichte zum Thema Sturm (18)







Rainer Maria Rilke

Sturm

Wenn die Wolken, von Stürmen geschlagen, 
jagen: 
Himmel von hundert Tagen 
über einem einzigen Tag -: 

Dann fühl ich dich, Hetman, von fern 
(der du deine Kosaken gern 
zu dem größesten Herrn 
führen wolltest). 
Deinen waagrechten Nacken 
fühl ich, Mazeppa. 

Dann bin auch ich an das rasende Rennen 
eines rauchenden Rückens gebunden; 
alle Dinge sind mir verschwunden, 
nur die Himmel kann ich erkennen: 

Überdunkelt und überschienen 
lieg ich flach unter ihnen 
wie Ebenen liegen; 
meine Augen sind offen wie Teiche, 
und in ihnen flüchtet das gleiche 
Fliegen.
Rainer Maria Rilke

Dich wundert nicht des Sturmes Wucht, –
du hast ihn wachsen sehn; –
die Bäume flüchten. Ihre Flucht
schafft reitende Alleen.
Da weißt du, der, vor dem sie fliehn,
ist der, zu dem du gehst,
und deine Sinne singen ihn,
wenn du am Fenster stehst.

Des Sommers Wochen standen still,
es stieg der Bäume Blut;
jetzt fühlst du, das es fallen will
in den, der alles tut.
Du glaubtest schon erkannt die Kraft,
als du die Frucht erfaßt,
jetzt wird sie wieder rätselhaft,
und du bist wieder Gast.

Der Sommer war so wie dein Haus,
drin weißt du alles stehn –
jetzt mußt du in dein Herz hinaus
wie in die Ebene gehn.
Die große Einsamkeit beginnt,
die Tage werden taub,
aus deinen Sinnen nimmt der Wind
die Welt wie welkes Laub.

Durch ihre leeren Zweige sieht
der Himmel, den du hast;
sei Erde jetzt und Abendlied
und Land, darauf er paßt.
Demütig sei jetzt wie ein Ding,
zu Wirklichkeit gereift, –
das der, von dem die Kunde ging,
dich fühlt, wenn er dich greift.

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