> Gedichte und Zitate für alle: Vor Sonnenaufgang- Gedichte zur Sonne von Richard Dehmel (29)

2013-09-23

Vor Sonnenaufgang- Gedichte zur Sonne von Richard Dehmel (29)






Richard Dehmel

Vor Sonnenaufgang

Propheten, der Sonne, der Morgen graut!
Was säumt ihr den Erdrand wie Nebelscheuchen
und beklagt euch über die Nachtdünste?
Hört doch die Hähne: sie krähn in die Wolkenröte,
und ihre Flügel funkeln schon!
Sie beschämen eure Menschengedanken,
ihr Bettler um das ewige Licht;
ich hasse eure Art Morgengrauen!

Freilich, in einsamen Nächten,
wenn der Gedanke ein Scherflein gilt
und die schwärmende Seele Millionen verschenkt,
wenn ich mit traumheißen Augen
über die Dächer Berlins hin
die tausend Schlote und Schlünde der dunkeln Stadt
in die glitzernde Ewigkeit aufstaunen sehe,
wenn ich ein schmelzendes Erz bin
im glühenden Ausbruch der unentrinnbaren Inbrunst:
ja, dann lieb' ich euch alle,
möcht ich euch alle umarmen,
helft ihr doch alle uns treiben,
alle dem Licht entgegen drängen,
dem immer lockenden Licht der Zukunft.

Aber die Zukunft beginnt schon;
mit jedem Tag, mitjedem Augenblick beginnt sie,
und ist da, wenn ihr sie bringt!
Propheten der Sonne, was säumt ihr?-
Richard Dehmel

Sonne lacht; die Stoppelfelder schimmern.

Sonne lacht; die Stoppelfelder schimmern.
An verfärbten Blättern zupft der Wind,
Früchte lüpfend. Heimlich Leben spinnt
weiße Fäden; rings im Blauen flimmert's.
Scheinbar tändelnd hat ein Mann
einem Weibe solch ein zart Geflechte
um ihr schwarzes Haar gewunden -
nun streckt er seine narbige Rechte:

Was doch die Seele brav lernen kann,
hat's nur der Körper erst für gut befunden!
Kaum hab ich mir die eine Hand lahm geschunden,
schon stellt sich meine Linke geschickter an
als je die Rechte! Selbst auf der Jagd:
wie hat mein Vater mich neulich ausgelacht,
als ich so schießen wollte - und dann:
keinen Fehlschuß tat ich beim Kesseltreiben!
Ich kann auch wieder heimlich schreiben;
falls dir's vielleicht mal zuviel Mühe macht,
Frau Fürstin, meine Sekretärin zu bleiben -

Leichthin hat er das Spinngewebe
wieder ihrem Haar entnommen,
leichthin hält er's in der Schwebe;
bis es wegschwebt, flimmernd, wehend.
Wie mit Willen nicht verstehend
sagt sie, nur ihr Atem geht beklommen:

Du tust sehr glücklich mit deinem Spiel.
Fast wie Gaukler, die sich schämen,
Lux, ein Unglück ernst zu nehmen.
Scheint diese Müh dir nicht zuviel? -
Doch den reichen Seelen
muß das Glück wohl fehlen,
das sie Andern zeigen als ein Ziel -

gelt? - Er schweigt. Rings lüpft der Wind
Früchte; heimlich Leben spinnt
weiße Fäden über Zaun und Dach.
Zwei Menschen schaun dem fliehenden Sommer nach.

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