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2013-10-05

Die deutsche Ballade - Anette von Droste-Hülshoff: Knabe im Moor (6)






Die Ballade "Der Knabe im Moor" gehört dem Gedichtzyklus Heidebilder an der aus insgesamt 12 Gedichten besteht.

Die Lerche
Die Jagd
Die Vogelhütte
Der Weiher
Der Hünenstein
Die Steppe
Die Mergelgrube
Die Krähen
Das Hirtenfeuer
Der Haidemann
Das Haus der Haide
Der Knabe im Moor


Diesen Zyklus darf man getrost zu einem Höhepunkt des lyrischen Schaffens von Anette von Droste-Hülshoff zählen, denn er legt Zeugnis ab von der feinfühligen und genauen Beobachtung der Dichterin, die das auf hohen künstlerischen Niveau festzuhalten vermag.
Der Knabe im Moor wird des öfteren mit Goethes Erlkönig verglichen, im Gegensatz zu dieser Ballade, kann sich der Knabe im Moor jedoch der Bedrohung durch die Natur entziehen.
Sehr überzeugend ist die erzeugte gespenstische Stimmung die durch eine sehr bildhafte Sprache erzeugt wird. Die gespenstischen Erscheinungen in der Ballade lassen sich auf verschiedenen Ebenen interpretieren. Sie können sowohl im religiösen, psychologischen als auch natürlichen Sinne ausgelegt werden. Neben dem Gedicht "Der Weiher" gehört der "Knabe im Moor" meiner Meinung nach zum Besten was die Dichterin geleistet hat. Ein wirkliches Meisterwerk deutscher Balladendichtug.







Der Knabe im Moor

Oh, schaurig ists, übers Moor zu gehn,
wenn es wimmelt vom Heiderauche,
Sich wie Phantome die Dünste drehn
Und die Ranke häkelt am Strauche,
unter jedem Tritte ein Quellchen springt,
wenn aus der Spalte es zischt und singt,
oh schaurig ists übers Moor zu gehn, 
wenn das Röhricht knistert im Hauche!

Fest hält die Fibel das zitternde Kind
und rennt, als ob mann es jage;
hohl über die Fläche sauset der Wind -
was raschelt drüben am Hage?
Das ist der gespenstische Gräberknecht,
der dem Meister die besten Torfe verzecht;
hu, hu, es bricht wie ein irres Rind!
Hinducket das Knäblein zage.

Vom Ufer starret Gestumpf hervor,
unheimlich nicket die Föhre,
der Knabe rennt, gespannt das Ohr,
durch Riesenhalme wie Speere;
Und wie es rieselt und knittert darin!
Das ist die unselige Spinnerin,
das ist die gebannte Spinnlenor´,
Die den Haspel dreht im Geröhre!

Voran, voran! nur immer im Lauf,
voran, als woll es ihn holen!
Vor seinem Fuße brodelt es auf,
es pfeift ihm unter den Sohlen
wie eine gespenstische Melodei;
das ist der Geigemann ungetreu,
das ist der diebische Fiedler Knauf,
der den Hochzeitheller gestohlen!

Da birst das Moor, ein Seufzer geht
hervor aus der klaffenden Höhle;
weh, weh, da ruft die verdammte Margret:
"Ho, ho, meine arme Seele!"
Der Knabe springt wie ein wundes Reh;
wär nicht Schutzengel in seiner Näh,
seine bleichenden Knöchelchen fände spät
Ein Gräber im Moorgeschwele.

Da mählich gründet der Boden sich,
Und drüben, neben der Weide,
die Lampe flimmert so heimatlich,
der Knabe steht an der Scheide.
Tief atmet er auf, zum Moor zurück
Noch immer wirft er den scheuen Blick:
Ja, im Geröhre wars fürchterlich,
O schaurig wars in der Heide!




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