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2013-10-12

Karl von Holtei - Der Schnee: Gedichte zum Thema Schnee (9)




Karl von Holtei

Der Schnee

Es will der Winter nicht erscheinen?
Auch die Natur weicht aus der Bahn,
Und klügelnde Propheten meinen,
Man fühle schon den Sommer nah'n?
O täuscht euch nicht, ihr sichern Leute;
Es wird uns Menschen nichts geschenkt
Und oft bedroht uns noch das Heute
Wenn ihr getrost an Morgen denkt.

Die Sonne lacht am hellen Tage,
Die Nacht zieht ihre Mörder groß,
Entsendet einen, das er wage
Mit tück'scher Faust den frechsten Stoß.
Zwar schützt ein Gott das wicht'ge Leben,
Doch öffnet sich des Blutes Quell
Und riselud-heiße Tropfen beben
Zur Erde nieder, purpurhell.

Die Erde saugt mit gier'gem Munde
So teure Perlen durstig ein.
O blut'ge Saat der Schreckensstunde!
Und was wird deine Erndte sein?
Mißtrauen, Argwohn, zitternd' Bangen,
Sie regen sich in ihrem Grab;
Des Himmels graue Wolken hangen
Wie drohend, schwer und dumpf herab.

Da säuselt flock'ger Schnee hernieder
Und in ein weißes Winterkleid
Verhüllt er nun die Erde wieder,
Die Frühling träumte vor der Zeit.
Er hüllt auch jene blut'gen Flecken,
Er hüllt der Untat Widerschein,
Mit ihrem Grauen, ihren Schrecken
In seine weichen Decken ein.

Wie warmer Flaum des reinen Schwanes
Die Kindlein hegt im Nest' daheim,
Deckt er die Saat des wilden Wahnes,
Und weckt aus ihr der Liebe Keim.
Des edlen Blutes hier vergossen,
Am Boden perlend zu verglüh'n,
Aus jedem Tropfen der geflossen,
Sieh'st du der Treue Rosen blüh'n.

Ja Rosen sind es, weiße Rosen!
Der Winter spricht: ich bin besiegt,
Wo tief im Schnee mit zartem Kosen,
Sich Blüte an die Blüte schmiegt.
Die alte Treu' ist auferstanden,
Die alte Lieb' ist jung erwacht,
Ihr Echo schallt aus allen Landen
Der Winter hat den Lenz gebracht.

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