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2013-11-08

Adventsgedichte von Gerok, Heyse und Hülshoff (2)

Kerzen, Kugeln, Tannengrün




Paul Heyse

Advent

 Am Himmel Wolkenjagd, bleifarb'ge Helle,
In Frost erschauernd lag die Flur, die nackte;
Fern sah herüber spukhaft der Soracte,
Und lautlos schlich die gelbe Tiberwelle.

Ein junges Hirtenpaar, in Ziegenfelle
Gehüllt, schritt mit dem Dudelsack im Takte
Dem Tore zu, bis sie die Wache packte
Und unsanft sie hinwegwies von der Schwelle.

Erblichen ist in Rom, ihr guten Kinder,
Der Stern, der einst in Bethlehem erglommen.
Der Felsen Petri ward zur schroffen Klippe.

Und pochtet ihr am Vatikan, noch minder
Wär' dort die Mahnung an den Stall willkommen,
Wo einst das Heil der Welt lag in der Krippe.

 Eleonore von Reuss

Advent

Er kommt nun wieder voller Gnade,
Der Zionskönig Jesus Christ;
Kommt, laßt uns schmücken seine Pfade
Mit allem, was da lieblich ist.
Er hält auch dieses Jahr auf's neue
In seiner Christenheit Advent;
D'rum auf! Dich deines Königs freue,
Du Zion, das sich nach Ihm nennt.

Er kommt zu allen frommen Herzen,
Die in Ihm finden ew'ges Heil,
Er kommt in Freuden und in Schmerzen,
Er ist ihr Schatz, ihr Erb' und Teil;
Er läßt sie seinen Frieden spüren,
Wenn sie Ihm nah'n im Kämmerlein,
Will sie zu grüner Weide führen,
Tief in sein heil'ges Wort hinein.

Er kommt, wenn unter'm Glockenklingen
In sein geheiligt Haus wir geh'n;
Wenn wir sein Lob mit Freuden singen,
Und betend alle vor Ihm steh'n.
Er kommt zu uns in seinem Worte,
Er teilt als Lebensbrod es aus,
Der Herr ist selbst an diesem Orte,
Hier ist fürwahr ein Gotteshaus.

Er kommt, wenn uns're Kindlein kommen
Zu heil'ger Taufe Gnadenflut,
Er hat sie auf den Arm genommen,
Er kommt mit Wasser und mit Blut.
Ob wir's nicht seh'n, Er ist zugegen
Mit seines Wortes Gotteskraft,
Durch dessen wunderbaren Segen
Dies Wasser neue Menschen schafft.

Er kommt, wenn an des Altars Stufen
Die Kinderschaar den Bund erneut,
Wenn ihre Seelen sehnlich rufen:
Herr Jesu, komm! wir sind bereit.
Er will zu jedem Kinde treten,
Legt seine Hände ihm auf's Haupt,
Und spricht: Mein Kind, was du gebeten,
Geschehe dir wie du geglaubt.

Er kommt zu uns, wenn auf den Knieen
Wir uns're Sündenschuld bekannt,
Und will uns aus dem Staube ziehen
Mit seiner gnadenreichen Hand;
Er spricht von allen unsern Sünden
Und los durch seines Dieners Mund,
Er läßt uns die Vergebung finden
Und macht das kranke Herz gesund.

Er kommt zu uns in armen Zeichen,
So hält Er seligen Advent;
Geheimnis! Wunder ohne Gleichen!
Er kommt im heil'gen Sakrament;
Er kommt und uns're Herzen beben,
Er kehrt bei uns, den Armen, ein,
Wir haben Teil an seinem Leben,
Er ist nun unser und wir sein.

Er kommt, wenn uns're Augen brechen,
Er kommt als uns'res Todes Tod,
Und will zu uns'res Todes Tod.,
Und will zu uns'rer Seele sprechen
In ihrer letzten, großen Not;
Er führt uns durch des Todes Schrecken
Ein in des Paradieses Licht,
Er kommt und wird uns auferwecken,
Er kommt zum letzten Weltgericht!

Er kommt! Er kommt! Geht ihm entgegen,
Küßt huldigend den Menschensohn,
Das nicht auf seinen Siegeswegen
Er seinen Zorn euch giebt zum Lohn.
Nur off'ne Hände sollt ihr bringen –
Er reicht euch seine Gnaden dar.
Laßt uns Ihm Hosianna singen
Zum Eingang in das Kirchenjahr.
Karl Gerok

Advent

Offenb. 3, 20.

Siehe, ich stehe vor der Tür und
klopfe an.

Ich klopfe an zum heiligen Advent
Und stehe vor der Tür!
O selig, wer des Hirten Stimme kennt,
Und eilt und öffnet mir.
Ich werde Nachtmahl mit ihm halten,
Ihm Gnade spenden, Licht entfalten,
Der ganze Himmel wird ihm aufgetan,
      Ich klopfe an.

Ich klopfe an, da draußen ists so kalt
In dieser Winterszeit;
Von Eise starrt der finstre Tannenwald,
Die Welt ist eingeschneit,
Auch Menschenherzen sind gefroren,
Ich stehe vor den verschlossnen Toren,
Wo ist ein Herz, den Heiland zu empfahn?
      Ich klopfe an.

Ich klopfe an, sähst du mir nur einmal
Ins treue Angesicht,
Den Dornenkranz, der Nägel blutig Mahl, --
O du verwärst mich nicht!
Ich trug um dich so heiß Verlangen,
Ich bin so lang dich suchen gangen,
Vom Kreuze her komm ich die blut’ge Bahn:
      Ich klopfe an.

Ich klopfe an, der Abend ist so traut,
So stille nah und fern,
Die Erde schläft, vom klaren Himmel schaut
Der lichte Abendstern;
In solchen heilgen Dämmerstunden
Hat manches Herz mich schon gefunden;
O denk, wie Nikodemus einst getan:
      Ich klopfe an!

Ich klopfe an und bringe nichts als Heil
Und Segen für und für,
Zachäus ‘ Glück, Marias gutes Teil
Bescheert‘ ich gern auch dir,
Wie ich den Jüngern einst beschieden
In finstrer Nacht den süßen Frieden,
So möchte‘ ich dir mit holdem Gruße nahn;
      Ich klopfe an.

Ich klopfe an, bist, Seele du, zu Haus,
Wenn dein Geliebter pocht?
Blüht mir im Krug ein frischer Blumenstrauß,
Brennt deines Glaubens Docht?
Weißt du, wie man den Freund bewirtet?
Bist du geschürzet und gegürtet?
Bist du bereit mich bräutlich zu umsahn?
      Ich klopfe an.

Ich klopfe an, klopft dir dein Herze mit
Bei meiner Stimme Ton?
Schreckt dich der treusten Mutterliebe Tritt
Wie fernen Donners Drohn?
O hör‘ auch deines Herzens Pochen,
In deiner Brust hat Gott gesprochen:
Wach‘ auf, der Morgen graut, bald kräht der Hahn,
      Ich klopfe an.

Ich klopfe an; spricht nicht: es ist der Wind,
Er rauscht im dürren Laub; --
Dein Heiland ists, dein Herr, dein Gott, mein Kind,
O stelle dich nicht taub;
Jetzt komm‘ ich noch im sanften Sausen,
Doch bald vielleicht im Sturmesbrausen,
O glaub‘, es ist kein eitler Kinderwahn:
      Ich klopfe an.

Ich klopfe an, jetzt bin ich noch dein Gast
Und steh vor deiner Tür,
Einst, Seele, wenn du hier kein Haus mehr hast,
Dann klopfest du bei mir;
Wer hier getan nach meinem Worte,
Dem öffn‘ ich dort die Friedenspforte,
Wer mich verstieß, dem wird nicht aufgetan;
      Ich klopfe an.
Annette von Droste-Hülshoff

Am zweiten Sonntage im Advent

Evang.: Von Zeichen an der Sonne

Wo bleibst du, Wolke, die den Menschensohn
Soll tragen?
Seh' ich das Morgenrot im Osten schon
Nicht leise ragen?
Die Dunkel steigen, Zeit rollt matt und gleich;
Ich seh' es flimmern, aber bleich, ach, bleich!

Mein eignes Sinnen ist es, was da quillt
Entzündet,
Wie aus dem Teiche grün und schlammerfüllt
Sich wohl entbindet
Ein Flämmchen und von Schilfgestöhn umwankt
Unsicher in dem grauen Dunste schwankt.

So muß die allerkühnste Phantasie
Ermatten;
So in der Mondesscheibe sah ich nie
Des Berges Schatten,
Gewiss, ob ein Koloss die Formen zog,
Ob eine Träne mich im Auge trog.

So ragt und wälzt sich in der Zukunft Reich -
Ein Schemen!
Mein Sinnen sonder Kraft! - Gedanke bleich.
Wer will mir nehmen
Das Hoffen, was ich in des Herzens Schrein
Gehegt als meiner Armut Edelstein?

Gib dich gefangen, törichter Verstand!
Steig nieder
Und zünde an des Glaubens reinem Brand
Dein Döchtlein wieder,
Die arme Lampe, deren matter Hauch
Verdumpft, erstickt in eignen Qualmes Rauch.

Du seltsam rätselhaft Geschöpf aus Ton,
Mit Kräften,
Die leben, wühlen, zischen wie zum Hohn
In allen Säften,
O bade deinen wüsten Fiebertraum
Im einz'gen Quell, der ohne Schlamm und Schaum!

Wehr ab, stoß fort, was gleich dem frechen Feind
Dir sendet
Die Macht, so wetterleuchtet und verneint,
Und starr gewendet
Wie zum Polarstern halt das Eine fest,
Sein Wort, sein heilig Wort, und - Schach dem Rest!

Dann wirst du auf der Wolke deinen Herrn
Erkennen,
Dann sind Jahrtausende nicht kalt und fern,
Und zitternd nennen
Darfst du der Worte Wort, des Lebens Mark,
Wenn dem Geheimnis deine Seele stark.

Und heute schon, es steht in Gottes Hand,
Erschauen
Magst du den Heiland und der Seele Brand
Gleich dem Vertrauen.
Zerfallen mögen Erd' und Himmelshöhn,

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