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2013-11-11

Friedrich Rückert und Anastasius Grün- Gedichte zum Thema Baum (6)








Friedrich Rückert

Der Baum des Lebens

 Als Adam lag im Todeskampfe schon,
Schickt' er zum Paradiese seinen Sohn,
Zu holen einen Zweig vom Lebensbaum,
Und zu genesen hofft' er noch davon.
Set brach das Reis, und als er's hergebracht,
War schon des Vaters Lebenshauch entflohn.
Da pflanzten sie das Reis auf Adams Grab,
Und fortgepflanzt ward es von Sohn zu Sohn.
Es wuchs, als in der Grube Joseph lag
Und Israel in der ägypt'schen Fron.
Des Baumes Blüten gingen duftend auf,
Als David harfend saß auf seinem Thron.
Dürr ward der Baum, als an dem Weg des Herrn
Irr' ward in seiner Weisheit Salomon.
Doch die Geschlechter hofften, das ihn neu
Beleben sollt' ein andrer Davidssohn.
Das sah im Geist der Glaube, da er saß
Im Leid an Wasserflüssen Babylon.
Und als der ew'ge Blitz vom Himmel kam,
Zerbarst der Baum mit hellem Jubelton;
Begnadigt ward der dürre Stamm von Gott,
Zu dienen zu dem Holz der Passion.
Es zimmerte die blinde Welt aus ihm
Das Kreuz und schlug ihr Heil daran mit Hohn.
Da trug der Baum des Lebens blut'ge Frucht,
Das, wer sie koste, Leben sei sein Lohn.
O Freimund, sieh! der Baum des Lebens wächst,
Ausbreitend sich, je mehr ihm Stürme drohn.
Die ganze Welt ruh' unter seinem Schirm!
Die halbe ruht in seinem Schatten schon.
Anastasius Grün

Ein Baum

Im Tuileriengarten
Blüht ein Kastanienbaum;
Die Brüder aller Arten
Umfängt noch Wintertraum.

Eh' ihre Knospen sprangen,
Rauscht seine Blätterkron';
Eh' sie mit Laub behangen,
Prangt er in Blüten schon.

So trägt der Auserkorne
Das Lenzpanier voran,
Das er zur Folge sporne
Den grünen Heeresbann.

Ich lehnt' einst an dem Baume
Der mir zu Herzen sprach,
Und sann im Schattenraume
Dem Blütenrätsel nach.

Mich wollt's der Geister mahnen,
Die schon zum Licht erwacht,
Als auf der Menschheit Bahnen
Noch lag des Wahnes Nacht;

Ich dachte der Erkornen,
In denen längst geblüht
Was jetzt uns Spätgebornen
Nachlenzet im Gemüt. –

Da schritt mit seinem Sohne
Des Wegs ein Edelmann,
Sah still zur Wipfelkrone
Und sprach zum Jungen dann:

»Hut ab! Ein Denkmal ragen
Siehst du der Schreckensnacht,
Da Meuter hier erschlagen
Die treu'ste Königswacht.

Weil von so edlen Leichen
Gedüngt der heil'ge Baum,
Muß er vor Seinesgleichen
Der erste blühn im Raum.«

Ihm folgten Wandrerschaaren
In Blousenhemden nach;
Ein Werkmann hoch in Jahren
Zu den Genossen sprach:

»Hier haben sie verblutet
Mit Schergen im Gefecht,
Die Männer freigemutet,
Für ihres Volkes Recht.

Von solchem Tau begossen
Wird fruchtbar jeder Grund,
Drum muß der Baum auch sprossen
Der erste weit im Rund.« –

Ich horchte ihren Reden
Und sah das Widerspiel,
Als in die alten Fehden
Die junge Blüte fiel.

Sie wähnen jede Ader
Des Baumes übervoll
Getränkt mit ihrem Hader,
Mit ihrem Zwist und Groll;

Doch er, – o mildes Tauschen! –
Er läßt ihr zürnend Weh
Im Blätterkranz verrauschen,
Verwehn im Blüthenschnee.

Verrausche und verwehe
So unser Leid und Streit!
Den Blütenkranz nur sehe

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