> Gedichte und Zitate für alle: Gedichte zum Advent von Fontane, Ringlnatz, Heyse und Hülshoff (1)

2013-11-08

Gedichte zum Advent von Fontane, Ringlnatz, Heyse und Hülshoff (1)







Theodor Fontane

Verse zum Advent

Noch ist Herbst nicht ganz entflohn,
Aber als Knecht Ruprecht schon
Kommt der Winter hergeschritten,
Und alsbald aus Schnees Mitten
Klingt des Schlittenglöckleins Ton.

Und was jüngst noch, fern und nah,
Bunt auf uns herniedersah,
Weiß sind Türme, Dächer, Zweige,
Und das Jahr geht auf die Neige,
Und das schönste Fest ist da.

Tag du der Geburt des Herrn,
Heute bist du uns noch fern,
Aber Tannen, Engel, Fahnen
Lassen uns den Tag schon ahnen,
Und wir sehen schon den Stern.
Joachim Ringelnatz

Vorfreude auf Weihnachten

Ein Kind – von einem Schiefertafel-Schwämmchen
Umhüpft – rennt froh durch mein Gemüt.

Bald ist es Weihnacht! – Wenn der Christbaum blüht,
Dann blüht er Flämmchen.

Und Flämmchen heizen. Und die Wärme stimmt
Uns mild. – Es werden Lieder, Düfte fächeln. –

Wer nicht mehr Flämmchen hat, wem nur noch Fünkchen glimmt,
Wird dann doch gütig lächeln.

Wenn wir im Traume eines ewigen Traumes
Alle unfeindlich sind – einmal im Jahr! 

Uns alle Kinder fühlen eines Baumes.
Wie es sein soll, wie’s allen einmal war.
Paul Heyse

Im Advent

 Die längsten Nächte. Drüben hinterm Vorgebirg
Von San Vigilio schläft noch in den Tag hinein
Frau Sonn' und kann sich nicht entschließen aufzustehn.
Zeit wär' es längst. Doch sie, wie eine Königin,
Die weich sich dehnt im seidnen Bett und gähnend denkt,
Es eile nicht, von ihrem goldnen Thron herab
Ihr Weltreich zu regieren, schläfrig blinzelt sie
Nur schwach hervor aus grauer Wimper, zieht sodann
Das Nebeldeckbett hoch sich übers Angesicht
Und schlummert weiter.
Auch hernach, wenn endlich sie
Beginnt ihr Tagwerk, nur im Schlafrock schleicht sie dann
Mit ungestrählten Haaren, sehr unaufgeräumt
Des Wegs dahin, im Wolkenmantel dicht vermummt,
Als friere sie. Denn ach, nur eine Fabel ist
Das ewig blaue Firmament Italias!
Auf ihrer Stirn auch spukt gar oft zur Winterszeit
Ein Schatten grauer Schwermut. Ihre Kinder dann
In kellerkalten Häusern, wo kein Ofen brennt,
Ums Reisigfeu'r am Herd trübsinnig kauern sie,
Vor Frost erschauernd. Stumm im kleinen Käfig sitzt
Die Drossel. Auch am Rocken jetzt und Webestuhl
Erklingt kein Ritornell und kein Rispetto mehr,
Und vorwurfsvoll ertönt nur noch des Mäuschens Pfiff,
Da ein Polentabröckchen kaum ihm übrig bleibt. –
Doch nur Geduld! Nach kurzen Wochen, hingedehnt
Im Nebelhalbtraum, denkt Frau Sonne wiederum
Vor Scham erglühend ihrer alten Schuldigkeit
Und holt, was lang versäumt ward, um so eifriger
Nun wieder ein. Den Reif vom Laube schüttelt sie
Den Lorbeern und Oliven, lockt mit warmem Hauch
Krokus und blaue Veilchen schon im Februar
Hervor auf allen Wiesen. An den Reben sacht
Beginnt's zu knospen. Ja sogar ein Vögelchen,
Wenn glücklich es dem Blei des Jägers winterlang
Entgangen, denkt bereits an neues Nesterbau'n
Und zirpt und wirbt um eine Braut.
Und ähnlich so
Ergeht's dem Dichter. Sacht in seinem Busen schon
Rührt sich Gesang, wenn früh am Tag er wohlgemut
Auf luft'ger Höhe wandelt, nur im leichten Rock
Und, was das Beste – denn verhasst vor allem sind
Ihm diese nordischen Gräuel –, ohne Gummischuh'!
Annette von Droste-Hülshoff

Am ersten Sonntage im Advent

Evang.: Eintritt Jesu in Jerusalem

Du bist so mild,
So reich an Duldung, liebster Hort,
Und mußt so wilde Streiter haben;
Dein heilig Bild
Ragt überm stolzen Banner fort,
Und deine Zeichen will man graben
In Speer und funkensprüh'nden Schild.

Mit Spott und Hohn
Gewaffnet hat Parteienwut,
Was deinen sanften Namen träget,
Und klirrend schon
Hat in des frömmsten Lammes Blut
Den Fehdehandschuh man geleget,
Den Zepter auf die Dornenkron'.

So bleibt es wahr,
Was wandelt durch des Volkes Mund:
Das, wo man deinen Tempel schauet
So mild und klar,
Dicht neben den geweihten Grund
Der Teufel seine Zelle bauet,
Sich wärmt die Schlange am Altar.

Wenn Stirn an Stirn
Sich drängen mit verwirrtem Schrei
Die Kämpfer um geweihte Sache,
Wenn in dem Hirn
Mehr schwindelt von der Welt Gebräu,
Von Siegesjubel, Ehr und Rache
Mehr zähe Spinngewebe schwirr'n,

Als stark und rein
Der Treue Nothemd weben sich
Sollt', von des Herzens Schlag gerötet:
Wer denkt der Pein,
Durchzuckend wie mit Messern dich,
Als für die Kreuz'ger du gebetet! -
O Herr, sind dies die Diener dein?

Wie liegt der Fluch
Doch über Alle, deren Hand
Noch rührt die Sündenmutter Erde!
Ist's nicht genug,
Das sich der Flüchtling wärmt am Brand
Der Hütte? Muß auf deinem Herde
Die Flamme schür'n unsel'ger Trug?

Wer um ein Gut
Der Welt die Sehnsucht sich verdarb,
Den muß der finstre Geist umfahren;
Doch was dein Blut,
Dein heilig Dulden uns erwarb,
Das sollten kniend wir bewahren
Mit starkem aber reinem Mut,

Allmächt'ger du,
In dieser Zeit, wo dringend Not,
Das rein dein Heiligtum sich zeige,
O, laß nicht zu,
Das Lästerung, die lauernd droht,
Verschütten darf des Hefens Neige
Und, ach, den klaren Trank dazu!

Laß alle Treu'
Und allen standhaft echten Mut
Aufflammen immer licht und lichter!
Kein Opfer sei
Zu groß für ein unschätzbar Gut,
Und deine Scharen mögen dichter
Und dichter treten Reih an Reih.

Doch ihr Gewand
Sei weiß, und auf der Stirne wert
Soll keine Falte düster ragen;
In ihrer Hand,
Und faßt die Linke auch das Schwert,
Die Rechte soll den Ölzweig tragen,
Und aufwärts sei der Blick gewandt.

So wirst du früh
Und spät, so wirst du einst und heut'
Als deine Streiter sie erkennen:
Voll Schweiß und Müh',
Demütig, standhaft, friedbereit;
So wirst du deine Scharen nennen
Und Segen strömen über sie.

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