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2013-11-22

G.Herwegh-Gedichte eines Lebendigen: An Frau Carolina S. (2)






An
Frau Carolina S. in Zürich.

Nur zagend lasse ich meinen Worten
Vor anderen Menschen ihren Lauf;
Dir schließen sich die letzten Pforten
Von meinem Herzen klingend auf;
Mir ist, Dir dürfe ich Alles sagen,
Die tiefste Seele wird mir flott;
Wie ich mag in die Saiten schlagen,
Um Deine Lippen blitzt kein Spott.

Die Welt will, daß man sie betrüge
Durch ein erheuchelt fromm Gefühl,
Mit Anstand einen Frieden lüge,
Wennes in der Brust uns dumpf und schwül;
Du hörest, seltenste der Frauen,
Den kecken Schwärmer ohne Groll,
Du weißt, man muß ihn selber bauen,
Den Himmel, dran man glauben soll. --

Gleichwie am stillen Abend schmettert
Durch heitere Luft Trompetenklang,
Gleichwie es um Rosenbüsche wettert
Ein blühendes Gestade entlang,
Gleichwie zum Sturme ruft die Glocke,
Indes noch Beter am Altar,
Wie neben eines Kindes Locke
Ein graues, ernstes Greisenhaar, -- --

So tönt zu meinem stillen Volke
Mein zürnend, freiheidheischend Lied;
Ich bin die schwere, schwarze Wolke,
Der Gott den Donner nur beschied;
Ich bin kein froher, freudiger Buhle,
Des Wappen Rose und Pokal,
Ich sitze als Geist auf Bankoes Stuhle
Bei jedem frechen Königsmal.

O könnte im finsteren Rat der Alten
Mein Lied ein zündend Feuer sein!
Doch ach! die Nüchternen, die Kalten
Verlangen abgelegenen Wein.
Im Zorn oft drück ich auf die Flasche
Den Kork -- es öffnet sich Dein Haus,
Auf Deinem Herde schlägt die Asche
Zu neuen kühnen Flammen aus.

Ich trug mein Lied, wie jener Meros
Den Dolch, tief unter meinem Hemd;
Es klang, wo man dem Liede Neroes,
Des neugekrönten, lauscht, so fremd.
Wohl waren manche Perlen fertig,
Doch noch der echten Taucherhand,
Noch Deiner lieben Hand gewärtig;
Nimm sie -- und wirf sie in den Sand!





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