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2013-11-24

G.Herwegh-Gedichte eines Lebendigen: Strophen aus der Fremde (30)







Strophen aus der Fremde

I.

Auf dem Berge

Da wären sie, der Erde höchste Spitzen!
Doch wo ist der, der einst an sie geglaubt?
Das Auge sieht die Sonne näher blitzen,
Doch arm und sonnenlos ist dieses Haupt.

Ich sehe die granitenen Säulen ragen,
Und endlos wölbt das Blau sich drüber hin;
Doch will das Herz mir tief beklommen schlagen,
Wie unter einem Königsbaldachin.

Hier wollte ich als frommer Parse beten,
Hier singen nach der Sterne reinem Takt,
Hier mit der Donnerstimme des Propheten
Gotttrunken jauchzen in den Katarakt.

Ich wollte -- ja, ich habe mich vermessen --
In diesen Bergen suchen mir mein Glück;
Ich wollte, ach! und konnte nicht vergessen
Die Welt, die ich im Tale ließ zurück.

O wie verlangt mich nach dem Staub der Straßen,
Dem Druck, der Not da unten allzumal!
Wie nach den Feinden selbst, die ich verlassen,
Und nach der Menschheit vollster, tiefster Qual!

Ihr glänzt umsonst, ihr Purpurwolkenstreifen,
Und ladet mich gleich seligen Engeln ein;
Ich kann den Himmel hier mit Händen greifen,
Und möchte' doch lieber auf der Erde sein.

II.

Ich möchte hingehen wie das Abendrot
Und wie der Tag mit seinen letzten Gluten --
O leichter, sanfter, ungefühlter Tod! --
Mich in den Schoß des Ewigen verbluten.

Ich möchte hingehen wie der heitere Stern,
Im vollsten Glanz, in ungeschwächtem Blinken;
So stille und so schmerzlos möchte gern
Ich in des Himmels blaue Tiefen sinken.

Ich möchte hingehen wie der Blume Duft,
Der freudig sich dem schönen Kelch entringet
Und auf dem Fittich blütenschwangerer Luft
Als Weihrauch auf des Herren Altar schwinget.

Ich möchte hingehen wie der Tau im Tal,
Wenn durstig ihm des Morgens Feuer winken;
O wollte Gott, wie ihn der Sonnenstrahl,
Auch meine lebensmüde Seele trinken!

Ich möchte hingehen wie der bange Ton,
Der aus den Saiten einer Harfe dringet,
Und, kaum dem irdischen Metall entflohen,
Ein Wohllaut in des Schöpfers Brust verklinget.

Du wirst nicht hingehen wie das Abendrot,
Du wirst nicht stille wie der Stern versinken,
Du stirbst nicht einer Blume leichten Tod,
Kein Morgenstrahl wird Deine Seele trinken.

Wohl wirst Du hingehen, hingehen ohne Spur,
Doch wird das Elend Deine Kraft erst schwächen,
Sanft stirbt es einzig sich in der Natur,
Das arme Menschenherz muß stückweise brechen.






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