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2013-11-22

G.Herwegh-Gedichte eines Lebendigen: Gebet (6)






Gebet

Brause, Gott, mit Sturmodem durch die fürchterliche Stille,
Gib ein Trauerspiel der Freiheit für der Sklaverei Idylle;
Laß das Herz doch wieder schlagen in der Brust der kalten Welt,
Und erwecke ihr einen Rächer, und erwecke ihr einen Held!

Wenn sie in der eigenen Heimat frei zu leben uns nicht gönnen,
Schaffe uns eine grüne Insel, wo wir frei noch sterben können,
Sterben können froh und freudig in der frischen freien Luft
Und uns selbst die Rosen träufeln aus den Wunden auf die Gruft!

Aus dem Nachtmahlkelch der Freiheit laß uns wieder einmal schlürfen,
Baue wieder einen Altar, drauf wir uns dir opfern dürfen,
Breite vor uns einen Wahlplatz, einen Platz der Völkerwahl,
Aus dem Kerker, aus der Scheide sehnt sich wieder unser Stahl!

Ach! um jenes Sturms Verheißung hat der Frieden uns betrogen,
Und das goldene Schiff der Hoffnung, das als Wiege in die Wogen
Unter Klang und Sang gesteuert und so reiche Schätze barg,
Ruht gescheitert, schwarzbewimpelt in dem Hafen jetzt, ein Sarg.

Will mein Volk nun ewig klagend dieses morsche Wrack umstehen?
Soll in tatenlosen Seufzern seine beste Kraft verwehen?
Donnert nie durch seinen Himmel der Entscheidung scharfer Ton?
Wahrlich ein Despote zaudert nicht so lang am Rubikon!

So ihr nicht begießt die Pflanze, wird sie allgemach verkümmern,
So ihr nicht gebraucht den Degen, wird ihn schnell der Rost zertrümmern;
Eine Ader sich zu öffnen für die Freiheit, wäre gut,
Sonsten zweifeln die Tyrannen an der Völker reinem Blut.

Aber wollen mich die Männer nicht verstehen, die schwerverirrten,
O so höret Ihr mich, Frauen! Traget Ihr ein Schwert in Myrten!
Traget Ihr ein Schwert in Myrten; denn mich dünket, Frau und Frei,
Nicht so fremd einander klingen diese Worte, diese Zwei!




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Einführung in die Dichtung

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