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2013-11-24

G.Herwegh-Gedichte eines Lebendigen: Ufnau und St.Helena (31)






Ufnau und St. Helena

I.

Laut mit dem Schwall der Wogen ringend,
Durchzieht den See der stolze Dämpfer,
Und braust, das Schweizerbanner schwingend,
Dahin, ein zornentbrannter Kämpfer.

"Wenn wir an Ulrich Huttens Grabe,
Dort bei des Sees größter Breitung,
Dann rufe mich, mein Schifferknabe!“
Und weiter träumt' ich in der Zeitung.

Die Zeit, wie sich gebührt, in Ehren,
Kann mich die Zeitung nie erfreuen;
Doch mag der Teufel sie entbehren,
Der Mensch will nun einmal vom Neuen!

Frankreich! Ha -- was wird dort verhandelt?
Gift? Dolch? Emeuten? Carbonaris?
Die Szene wiederum verwandelt?
Das Stück heißt Helena und Paris!

Sie haben ihren Unvergeßenen
Geraubt dem Schoß kristallener Wogen,
Den Helden aus dem Unermeßenen
In ihres Babels Kot gezogen.

Sie kamen über ihn im Schlafe,
Wie über Simson die Philister;
Es triumphiert der große Sklave,
Und pfiffig lächelt sein Minister.

Was Albion heilig, wird man lesen,
Das hat der Franken Volk vernichtet;
England ließ ruhig Ihn verwesen,
Wo Ihn der Weltgeist hingedichtet;

Wo Ihn des Meeres Flut umschäumte,
Wo mit dem All Er im Vereine
Wohl oft von jenem Goten träumte,
Des Grab doch sicherer, als das seine.

O Spott! es schleppt in ihre Mauern
Ein Hänfling dieses Adlers Leiche;
Nicht Jubelschall, nur banges Trauern
Sollte herrschen in der Franken Reiche.

Das eigene Volk saß zu Gerichte,
Des Kaisers Zauber ist geschieden;
Es schläft die fränkische Geschichte
Mit Ihm im Dom der Invaliden !

II.

Ufnau! Hier modert unser Heiland,
Füres deutsche Volk ans Kreuz geschlagen;
Ein deutsches Mekka wäre' dies Eiland,
Hätte Ihn kein deutsches Weib getragen.

Der Hutten istes, und Ihn erkür' ich
Zu meines Herzens erstem Helden;
Mein Weltmeer sei Dein See, o Zürich!
Von seinen Mären laßt mich melden.

Der Hutten istes, ob den Despoten
Verachtet Ihr des Volkes Festen;
Ihr buhlet täglich mit den Toten,
Ach! und vergesset Eure Besten.

Ihr weintet jener Hieroglyphe
Im Ozean manch verlorene Träne,
Und ahntet nicht die Wundertiefe
Der reinen deutschen Hippokrene.

Der Hutten istes, ihr Männer tretet
Heran zum Hügel des Verbannten!
Der Hutten istes, ihr Männer betet,
Und lernt ihn kennen, den Verbannten!

Die Freiheit schwanket zwischen Klippen
Umher auf steuerlosem Boote,
Schon nahen sich ihr mit ekeln Lippen
Zum Kusse die Ischariote.

Wir brauchen einen großen Schatten,
Des Geist um unsere Waffen schwebe,
Der, wenn im Kampfe wir ermatten,
Uns Blut von seinem Blute gebe.

O glaubet nicht, daß ihr ihn fändet
Auf jenem Fels im fernen Meere;
Hier ist ein Grab, noch ungeschändet,
Hier ist der Stein der deutschen Ehre!

Wie zitterte manch stolzer Giebel,
Als donnernd einst in böser Stunde,
Gleich Schwerterklang zu Luthers Bibel,
Das Wort erscholl aus Huttens Munde!

Das Wort, das, als die Welt geknechtet,
Als finsterer Wahn sie unterjochte,
So kühn für alle Welt gerechtet,
So einsam an den Himmel pochte.

Ließ er sich von den Kutten meucheln,
Und hat er darum sterben müssen,
Daß nun die Enkel sonder Heucheln
Den Mantel von Marengo küssen?

Wie lang mit Lorbeern überschütten
Wollt ihr die korsische Standarte?
Wann hängt einmal in deutschen Hüten
Der Hutten statt des Bonaparte ?






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