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2013-11-23

G.Herwegh-Gedichte eines Lebendigen: Frühlingslied (18)






Frühlingslied

1841

Noch ein Lied dem deutschen Bürger,
Noch ein echtes Mailied!
Frühling sei es keinem Würger,
Der sein Volk zum Staube zieht;
Frühling Jedem bis zum Tod,
Frühling nie für den Despot!
Selbst der Himmel, warm und rein,
Der des Freien Brust erweitert,
Eine Klippe, dran er scheitert,
Möge' er jedem Wüterich sein.

Alle Blumen sollen flüstern:
"Seht ihr, seht ihr den Tyrann?
„Bleibe in Deinem Reich, dem düstern,
„In der Hölle, finsterer Mann!
„Willst Du noch des Weihrauchs mehr?
„Unser Kelch ist für Dich leer.
„Fort, Du taugst nicht an das Licht!
„Weiche ferne, Du Verräter,
„Du verstehst den freien Äther
„Und die Frühlingsfreiheit nicht!“

Jede Biene dünke Tarantel,
Jeder Rose Purpurkleid
Ihm ein Karbonarimantel,
Drin ein Dolch für ihn bereit!
Jeglich Säuseln, das er hört,
Ihm sein Volk, das sich empört;
Keine Freude und kein Scherz,
Keine Wonne soll ihm blühen,
Und von keiner Sonne glühen
Je ihm sein sibirisch Herz!

Nächtlich mit Entsetzen drehe' er
Sich im sternenlosen Nichts,
Und von allen Engeln sehe' er
Nur den Engel des Gerichts;
Jeder Schlag der Nachtigall
Klinge ihm wie Posaunenschall,
Der ihn vor den Ew'gen ruft;
Und der Lerche jubelnd Schmettern,
Wie der Blitz von tausend Wettern
Treffe es ihn aus blauer Luft.

Jeder Blütenbaum am Wege
Streue aufes Haupt ihm Silberschnee,
Einen eisgen Panzer lege
Um sein Schiff ihm jeder See;
Wo er immer landen mag,
Fliehe' erschreckt der goldene Tag;
In der öden kahlen Flur
Soll sich seine Seele spiegeln,
Ihm ein Buch mit tausend Siegeln
Sei im Lenze die Natur.

Ja, o Lenz, sei für die Dichter,
Für die Völker Lenz allein!
Für Tyrannen sollst Du Richter,
Für Tyrannen Rächer sein.
Schreibe auf jedes grüne Blatt:
Ich bin eurer herzlich satt,
Eurer schnöden Tyrannei!
Frei sind meiner Blumen Düfte,
Meine Wolken, meine Lüfte,
Auch die Menschen seien frei!






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