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2013-12-05

Fabeln d. Aufklärung-T2-Das Glück und der Traum v. M.G.Lichtwer (40)




Das Glück und der Traum

Es lag und schlummerte in eines Hirten Laube
Das Glück, das müde Glück, den meisten Teil der Nacht ,
Wenn es ein Held gewusst, er hält' es, wie ich glaube,
Mit hundert taufend Mann bewacht.
Hier flog ein Traum vorbei, und störte seinen Schlummer,
Ihm rief das halb erwachte Glück:
Du kömmst mir recht erwünscht, bei meinem großen Kummer,
Doch sage mir, woher kömmst du so spät zurück?

Ich komme mit dem Morgenwinde,
Versetzt der Schatten, aus der Stadt,
Von einem Wohlgestalten Kinde,
Dem meine Gegenwart die Nacht verkürzet hat.
Das Glück Hub freundlich an zu lachen,
Und sprach, wenn es dir so gefällt,
So sage mir, was du für Sachen
ihm diese Nacht durch vorgestellt.

Er sprach: Ich kam mit Kutsch und Pferden,
Die Türen sprangen, als ich sprach,
Mir trat mit sittsamen Gebärden.
Ein Heer vergoldter Diener nach.
Ich war Baron, und zwar kein neuer,
Ich hatte Geld, ich wollte frein,
Begütert, Herr Baron, und Freier,
Die Wörter gehn durch Mark und Pein.
Geschenke folgten jedem Blicke,
Du weißt, was ein Geschenke tut,'
Und dieser Sprache, liebes Glücke,
Sind doch die Mädchen gar zu gut.
Zuletzt fiel ich ihr selbst zu Füßen,
Ich bat sie, und erhielt ihr Wort,
Sie gab mir ihre Hand zu küssen,
Da kam der Tag, und trieb mich fort.
Indessen wird mein Kind gewiss vergnügt erwachen,
Und sagt sie niemand nichts von mir,
So wird sie heimlich doch den ganzen Morgen lachen.
Mir geht es nicht so gut, wie dir,
Antwortete das Glück mit traurigen Gebärden,
Ich kam vor kurzer Zeit in eines Kaufmanns Haus,
Den ließ ich reich und edel werden,
Es ward ein halber Graf daraus.
Doch gestern wandt' ich ihm den Rücken,
Da hing er sich an einen Baum;
Warum muss es dir besser glücken,
Bin ich nicht, gleich wie du, ein Traum?




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