> Gedichte und Zitate für alle: Fabeln d. Aufklärung-T2-Der alte Löwe v.J.w.L.Gleim (30)

2013-12-02

Fabeln d. Aufklärung-T2-Der alte Löwe v.J.w.L.Gleim (30)





Der alte Löwe

Ein Löwe, der ein Held in seiner Jugend war,
Lag einsam nun, im höchsten Stufenjahr,
In seiner Höhle hinterwärts.

Zwar fühlt’ er noch sein großes Herz
Und seinen Heldenmut;
Allein erloschen war der Augen Glut,
Stumpf seine Klau’, schwach sein Gehör;
Und Zähne hatt’ er gar nicht mehr.

„Ach“ , sprach er mit sich selbst, „ach, welch ein Held
war ich!

Welch einer bin ich nun!“
Er runzelt seine Stirn, kriecht langsam, jämmerlich
An einen nahen Bach, den letzten Trunk zu tun!

Er löscht den Durst, nimmt seine Lagerstatt
Am Bach und seufzet: „Ach, wie matt!“

Und als der Untertanen Schar,
Die sonst voll Furcht bei seinem Anblick war,
Den mächtigen Monarchen da
Ohnmächtig liegen sah,
Da gingen ihrer viel’ und forderten ihn aus.
Ein Schimmel sagte: „Komm heraus!“
Ging rückwärts auf ihn los
Und schmiß ihn mit dem Huf;
Ein Stier versetzt’ ihm einen Stoß;
Ein Wolf biß ihn: „Herr König, dein Beruf
Ist Tapferkeit, auf! wehre dich!“

Er kann nicht, er bereitet sich
Zum nahen Tode. Traurig, stumm
Sieht er sich um:
Hat Abschied von der Welt genommen;
Schon stirbt er still!
Ach, aber ach! zu seiner Qual
Sieht er von weitem her den Esel kommen,
Der endlich auch an ihm zum Ritter werden will;
„Nun“ , seufzt er, „sterb ich siebenmal!“





Einführung und Inhalt                                                                                              weiter



alle Gedichte von Gleim


Keine Kommentare: