> Gedichte und Zitate für alle: Fabeln d. Aufklärung-T2-Der Zeisig v. C.F.Gellert (26)

2013-12-02

Fabeln d. Aufklärung-T2-Der Zeisig v. C.F.Gellert (26)





Der Zeisig

Ein Zeisig war’s und eine Nachtigall,
Die einst zu gleicher Zeit vor Dämons Fenster hingen
Die Nachtigall fing an, ihr göttlich Lied zu singen,
Und Dämons kleinem Sohn gefiel der süße Schall.
„Ach, welcher singt von beiden doch so schön?
Den Vogel möcht’ ich wirklich sehn!“
Der Vater macht ihm diese Freude,
Er nimmt die Vögel gleich herein.
„Hier“ , spricht er, „sind sie alle beide;
Doch welcher wird der schöne Sänger sein?
Getraust du dich, mir das zu sagen?“
Der Sohn läßt sich nicht zweimal fragen,
Schnell weist er auf den Zeisig hin.
„Der“ , spricht er, „muß es sein, so wahr ich ehrlich bin
Wie schön und gelb ist sein Gefieder!
Drum singt er auch so schöne Lieder;
Dem andern sieht man’s gleich an seinen Federn an,
Daß er nichts Kluges singen kann.“

Sagt, ob man im gemeinen Leben
Nicht oft, wie dieser Knabe, schließt?
Wem Färb’ und Kleid ein Ansehn geben,
Der hat Verstand, so dumm er ist.
Stax kömmt, und kaum ist Stax erschienen,
So hält man ihn auch schon für klug:
Warum? seht nur auf seine Mienen,
Wie vorteilhaft ist jeder Zug!
Ein andrer hat zwar viel Geschicke;
Doch weil die Miene nichts verspricht:
So schließt man bei dem ersten Blicke,
Aus dem Gesicht, aus der Perücke,
Daß ihm Verstand und Witz gebricht.





Einführung und Inhalt                                                                                              weiter



alle Gedichte von Gleim

Keine Kommentare: