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2013-12-18

Fabeln d. Aufklärung-T3-Das Tal und die Berge v.D.Stoppe (51)




Das Tal und die Berge

Zwei Berge lagen sich einander gegenüber,
Dazwischen war ein tiefes Tal,
Mit diesem zankten sie des Tags wohl hundertmal.
„Herr Bruder!“ rief ein Berg. „Komm doch zu mir herüber!“
„Ich darf nicht“ , war die Antwort drauf;
Denn Ihro Niedrigkeit, der Prinz von Tiefburgshausen,
Nähm’s ohne Zweifel übel auf;
Er würde, wie das Meer, vor Zorn und Eifer brausen
Und mich dafür gewiß zur Strafe ziehn;
Denn über einen Herrn, wie er ist, wegzuschreiten,
Das hat wahrhaftig schon was Großes zu bedeuten.
Ein Schritt ist bald verfehlt. Wie leichte könnt’ ich ihn,
Wenn ich zum Stolpern kam’, aus Dummheit gar ertreten.
Die Sünde könnt’ ich ja mein Tage nicht verbeten.“
„Oh“ , sprach der andre Berg, „die Freude möcht’ ich sehn;
Dem Kerle würde recht geschehn.
Was hat er hier zu tun? Er mag beiseite gehen.
Es schickt sich nicht für ihn, hier zwischen uns zu stehen,
Als wenn er unsersgleichen war’.
Es koste, was es will, ich leid es ihm nicht mehr;
Der Grobian wird noch wohl wegzubringen sein.“
„Das hab ich längst gewünscht“ , fiel ihm der Nachbar ein;
„Wie aber ist das Werk am besten anzugreifen?“
„Sobald ein Regen sich ergießt:
So wollen wir den guten Kerl ersäufen.
Mach du es nur wie ich! Die Flut, die auf uns schießt,
Die müssen wir, und zwar zugleich von beiden Seiten,
Auf den Herrn Nachbar abwärts leiten.
Wenn Wasser fähig ist, die Felsen umzuwühlen
Und ganze Städte wegzuspülen:
So kann sich auch das Tal ein Gleiches prophezein.“
Die Berge freuten sich darauf schon ungemein
Und seufzten Tag und Nacht nach einem starken Regen,
Als wenn ihr ganzes Wohl darauf bestanden war’ .
Es schien, Gott ließe sich durch ihr Gebet bewegen.
Es zog ein Wetter auf; es regnete recht sehr.
Kaum kann ein Wolkenbruch sich häufiger ergießen.
Die Berge wälzten nun die Flut zugleich bergab
Dem tiefen Tale zu, das es das Ansehn gab,
Ihr Nachbar würd’ ertrinken müssen.
Doch als das Wasser wieder fiel:
So zeigte sich das Widerspiel,
Indem das Tal trotz der Gefahr,
Die Grund und Boden zwar gewaltig mitgenommen,
Anstatt dabei zu kurz zu kommen,
Fast noch einmal so tief und größer worden war.

Wer klug ist, wird sich nicht der Neider wegen kränken.
Warum? Sie laufen gern in ihrer Absicht blind,
So das sie uns oft nützlich sind,
Indem sie uns zu schaden denken.




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