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2013-12-18

Fabeln d. Aufklärung-T3-Der Kater und die Mäuse v.D.Stoppe (52)




Der Kater und die Mäuse

Ein Kater, der von Kindheit an
Sich auf der Mäusejagd mit Fleiß hervorgetan;
Ein Held, dem mehr als tausend Ratten
Den Untergang zu danken hatten,
Ward endlich alt und schwach und konnte nicht mehr sehn.
Die Ratten sagten ihm: es sei ihm recht geschehn;
Gott ließ ihn nun, zur Strafe seiner Sünden
Und auch zugleich zu ihrer Sicherheit,
Nach Wunsch verkrummen und erblinden.
»Ach!« sprach der alte Schalk, »die Sünden sind mir leid;
Der Himmel kennt mein reuiges Gewissen;
Ich trage meine Schuld und will sie gerne büßen.
Ich fühl schon, mein Tod ist nicht mehr weit;
Gottlob!, es geht mit mir zu Ende.
Ich bitt’ euch alles ab: Hier habt ihr meine Hände!
Kommt her und sagt mir's zu, dass ihr versöhnlich seid!«

Die Ratten merkten gleich, wie viel die Uhr geschlagen.
»Ja«, sprachen sie, »gar gern, wir wollen dir verzeihn;
Doch nahe wird sich niemand wagen.
Wir können weit entfernt so gute Freunde sein,
Als wenn wir näher zu dir kämen,
Denn dazu werden wir uns nimmermehr bequemen.«
Kurzum, die Ratten liefen fort
Und wünschten ihm Glück auf die Reise.
Drauf kam ein Dutzend junger Mäuse.
»O seht doch!« schrieen sie, »den kranken Kater dort!«
»Ihr Kinder«, rief der Dieb, »kommt her und seht mich sterben.
Ich hab' jetzt gleich mein Testament gemacht
Und euch als meinen künftigen Erben
Mein ganz Vermögen zugedacht.«
Drauf maunzt' er noch einmal, als nähme er gute Nacht;
Er hielt den Atem an, lag still und ausgestreckt,
Als wär' er in der Tat verreckt.

Die Mäuse ließen sich, durch diese List, betrügen;
Sie sprangen auf ihn los und tanzten um ihn her.
Man sah ein Blatt Papier zu seinen Füßen liegen,
Und dies bestärkte sie in ihrem Wahn noch mehr.
»Ach,« riefen sie, »seht! seht!, da liegt das Testament«
Der Kater schnappte zu und fing auf diese Weise
Vier ihm zu nah getretnen Mäuse.
»Ich weiß wohl«, sprach der Schalk,»dass ihr nicht lesen könnt.
Geht, lasst euch meinen Bauch die wahre Nachricht sagen,
Von dem, was ich euch zugedacht;
Der Rechtsfreund, welcher mir das Testament gemacht,
Wohnt ohnehin in meinem leeren Magen.«

Die glatten Worte sind ein Eis, das leicht bricht.
Wer falschen Leuten glaubt, der kennt die Welt noch nicht.





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