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2013-12-18

Fabeln d. Aufklärung-T3-Die vier Feen v. J.H.Merck (57)





Johann Heinrich Merck

Die vier Feen

Es ließen einstens sich vier Feen,
Der Götter Ratschluss zu erfüllen,
Um eines jungen Prinzen willen,
Beladen mit Geschenken sehn.
Er soll entscheiden, wer von ihnen
Durch ihre Macht der Zauberei
Dem menschlichen Geschlecht zu dienen,
Am meisten unentbehrlich sei.

Sie finden ihren Richter bald,
Und zeigen sich vor ihm in herrlicher Gestalt.
Der Menschen Wunsch in bunten Freuden,
Was nur der Schöpfung Reich Vollkommenes besitzt,
(So sprachen sie) das Alles wird sich jetzt,
O Prinz, vor deinem Aug' verbreiten.
Es werden dir die Güter dieser Welt
In ihrer Pracht und Schönheit dargestellt;
Du darfst sie prüfen und genießen,
Doch Eins nur darfst du dir erkiesen.

Die erste sprach: "Kraft meiner Charaktere
Ist dir der Jugend Reiz, der Gürtel der Cythere
Und die Gestalt Apolls verliehn."

Die andre sprach: "Nimm hin!
Der Mut in den Gefahren,
Der Stolz der Tapferkeit
Zerschmettre deiner Feinde Scharen,
Und gebe dir den Sieg in jedem Streit!"
Sein junges Herz frohlockt. — Doch, ungetreue Freuden,
Wie schwer wird ihm die Wahl von beiden!

Die dritte sprach: "Um deine Wahl zu leiten,
Geb' ich dir durch dies Zauberband
Den schärfsten Witz, den glänzendsten Verstand. "

Er denket nach, vergleichet, überlegt.
Je weniger er glaubt, zu fehlen,
Je mehr er seine Schlüsse wägt,
Je schwerer wird es ihm zu wählen.

Die vierte spricht mit heitrem Blicke:
"Nimm, Prinz, zu deinem künft'gen Glücke
Die Mäßigung in deinen Wünschen hin.
Dies Los ist Wenigen verliehn."

Kaum hat er dies Geschenk empfangen,
So stirbt in seiner Brust die Sehnsucht, das Verlangen
Nach allem, was die Torheit preist.
"Wozu," spricht er, "ist mir die Schönheit nütze?
Wozu der unbeschränkte Geist?
Wozu des Welterobrers Blitze,
Wenn mitten in des Glückes Schoß
Mich nüchterne Begierden nagen?
Euch, Gütern dieser Welt, euch will ich gern entsagen:
Es sei die Mäßigung mein Los!
Mit ihr allein bin ich zufrieden.
Weg, Hoheit, die uns prächtig quält,
Ist ohne sie ein Glück hienieden?
Und mit ihr eines, das uns fehlt?"




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