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2013-12-20

Gedichte v. J.W.von Goethe: Der Wanderer (65)





Der Wanderer

Wandrer

Gott segne dich, junge Frau,
Und den säugenden Knaben
An deiner Brust!
Laß mich an der Felsenwand hier
In des Ulmbaums Schatten
Meine Bürde werfen,
Neben dir ausruhn.

Frau

Welch Gewerbe treibt dich
Durch des Tages Hitze
Den sandigen Pfad her ?
Bringst du Waren aus der Stadt
Im Land herum?
Lächelst, Fremdling,
Über meine Frage ?

Wandrer

Ich bringe keine Waren
Aus der Stadt.
Schwül ist, schwer der Abend.
Zeige mir den Brunnen,
Draus du trinkest,
Liebes junges Weib.

Frau

Hier den Felsenpfad hinauf.
Geh voran! Durchs Gebüsche
Geht der Pfad nach der Hütte,
Drin ich wohne,
Zu dem Brunnen,
Da ich trinke draus.

Wandrer

Spuren ordnender Menschenhand
Zwischen dem Gesträuch — !
Diese Steine hast du nicht gefügt,
Reich hinstreuende Natur!

Frau

Weiter ’nauf.

Wandrer

Von dem Moos gedeckt ein Architrav
Ich erkenne dich, bildender Geist,
Hast dein Siegel in den Stein geprägt.

Frau

Weiter, Fremdling.

Wandrer

Eine Inschrift, über die ich trete,

Der Venus - und ihr übrigen
Seid verloschen,
Weggewandelt, ihr Gesellen,
Die ihr eures Meisters Andacht
Tausend Enkeln zeugen solltet.

Frau

Staunest, Fremdling,
Diese Stein’ an?
Droben sind der Steine viel
Um meine Hütte.

Wandrer

Droben ?

Frau

Gleich zur Linken
Durchs Gebüsch hinan,
Hier!

Wandrer

Ihr Musen und Grazien!

Frau

Das ist meine Hütte.

Wandrer

Feines Tempels Trümmern!

Frau

Da zur Seit’ hinab
Quillt der Brunnen,
Da ich trinke draus.

Wandrer

Glühend webst du über deinem Grabe,
Genius! Über dir
Ist zusammengestürzt
Dein Meisterstück,
O du Unsterblicher!

Frau

Wart’! Ich will ein
Schöpfgefäß dir holen.

Wandrer

Efeu hat deine schlanke
Götterbildung umkleidet.
Wie du emporstrebst
Aus dem Schutte,
Säulenpaar!
Und du, einsame Schwester dort!
Wie ihr,
Düstres Moos auf dem heiligen Haupt,
Majestätisch traurend herabschaut
Auf die zertrümmerten
Zu euren Füßen,
Eure Geschwister!
In des Brombeergesträuches Schatten
Deckt sie Schutt und Erde,
Und hohes Gras wankt drüber hin.
Schätzest du so, Natur,
Deines Meisterstücks Meisterstück?
Unempfindlich zertrümmerst
Du dein Heiligtum,
Sä’st Diesteln drein.

Frau

Wie der Knabe schläft!
Willst du in der Hütte ruhn,
Fremdling, willst du hier
Untern Pappelbaum dich setzen ?
Hier ist’s kühl! Nimm den Knaben,
Daß ich Wasser schöpfen hinabgeh’.
Schlaf, Lieber, schlaf!

Wandrer

Süß ist deine Ruh!
Wie’s in himmlischer Gesundheit schwimmend,
Ruhig atmet!
Du, geboren über Resten
Heiliger Vergangenheit,
Ruh’ ihr Geist auf dir!
Welchen der umschwebt,
Wird in Götterselbstgefühl
Jedes Tags genießen.
Voller Keim, blüh’ auf,
Lieblich dämmernden Lenzes Schmuck,
Scheinend vor deinen Gesellen!
Und welkt die Blütenhülle weg,
Dann steig’ aus deinem Busen
Die volle Frucht, und reif’ der Sonn’ entgegen.

Frau

Gesegn’ es Gott! — Und schläft er noch?
Ich habe nichts zum frischen Trunk
Als ein Stück Brot,
Das ich dir bieten kann.

Wandrer

Ich danke dir.
Wie herrlich alles blüht umher
Und grünt!

Frau

Mein Mann wird bald
Nach Hause sein
Vom Feld. Bleib, Mann,
Und iß mit uns
Das Abendbrot.

Wandrer

Ihr wohnet hier ?

Frau

Hier zwischen das Gemäuer her
Die Hütte baute noch mein Vater
Aus Ziegeln und des Schuttes Steinen.
Hier wohnen wir.
Er gab mich einem Ackersmann
Und starb in unsern Armen. —
Hast du geschlafen, liebes Herz ?
Wie er munter ist und spielen will!
Du Schelm!

Wandrer

Natur, du ewig keimende!
Schaffst jeden zum Genuß des Lebens;
Deine Kinder all
Hast mütterlich mit einem
Erbteil ausgestattet,
Einer Hütte.
Hoch baut die Schwalb’ am Architrav,
Unfühlend, welchen Zierat
Sie verklebt,
Die Raup’ umspinnt den goldnen Zweig
Zum Winterhaus für ihre Brut,
Und du flickst zwischen der Vergangenheit
Erhabne Trümmer
Für dein Bedürfnis
Eine Hütt’, o Mensch,
Genießest über Gräbern. —
Leb wohl, du glücklich Weib!

Frau

Du willst nicht bleiben?

Wandrer

Gott erhalt’ euch,
Segn’ euren Knaben!

Frau

Glück auf den Weg!

Wandrer

Wohin führt mich der Weg
Dort übern Berg ?

Frau

Nach Cuma.

Wandrer

Wie weit ist’s hin?

Frau

Drei Meilen gut.

Wandrer

Leb’ wohl! —
O leite meinen Gang,
Natur, den Fremdlingsreisetritt,
Den über Gräber
Heiliger Vergangenheit
Ich wandle.
Leit’ ihn zum Schutzort,
Vorm Nord geschützet,
Wo dem Mittagsstrahl
Ein Pappelwäldchen wehrt;
Und kehr’ ich dann
Am Abend heim
Zur Hütte, vergoldet
Vom letzten Sonnenstrahl,
Laß mich empfangen solch ein Weib,
Den Knaben auf dem Arm.





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