> Gedichte und Zitate für alle: Gedichte v. J.W.von Goethe: Erklärung eines alten Holzschnitzers (83)

2013-12-21

Gedichte v. J.W.von Goethe: Erklärung eines alten Holzschnitzers (83)





Erklärung eines alten Holzschnitzers

In seiner Werkstatt Sonntags früh
Steht unser teurer Meister hie,
Sein schmutzig Schurzfell abgelegt,
Ein sauber Feierwams er trägt,
Läßt Pechdraht, Hammer und Kneipe rasten,
Die Ahl’ steckt an den Arbeitskasten;
Er ruht nun auch am siebenten Tag
Von manchem Zug und manchem Schlag.

Wie er die Frühlingssonne spürt,
Die Ruh ihm neue Arbeit gebiert:
Er fühlt, daß er eine kleine Welt
In seinem Gehirne brütend hält,
Daß die fängt an zu wirken und leben,
Daß er sie gerne möcht’ von sich geben.
Er hätt’ ein Auge treu und klug
Und wär’ auch liebevoll genug,
Zu schauen manches klar und rein
Und wieder alles zu machen sein;
Hätt’ auch eine Zunge, die sich ergoß
Und leicht und fein in Worte floß.
Des täten die Musen sich erfreuen,
Wollten ihn zum Meistersänger weihen.

Da tritt herein ein junges Weib,
Mit voller Brust und rundem Leib,
Kräftig sie auf den Füßen steht,
Grad, edel vor sich hin sie geht,
Ohne mit Schlepp’ und Steiß zu schwänzen,
Noch mit ’n Augen ’rum zu scharlenzen.
Sie trägt einen Maßstab in ihrer Hand,
Ihr Gürtel ist ein gülden Band,
Hätt’ auf dem Haupt ein’n Kornähr-Kranz,
Ihr Aug’ war lichten Tages Glanz:
Man nennt sie Tätig Ehrbarkeit,
Sonst auch Großmut, Rechtfertigkeit.

Die tritt mit gutem Gruß herein.
Er drob nicht mag verwundert sein,
Denn wie sie ist, so gut und schön,
Meint er, er hätt’ sie schon lang’ gesehn.

Die spricht: „Ich hab’ dich auserlesen
Vor vielen in dem Weltwirr-Wesen,
Daß du sollst haben klare Sinnen,
Nichts Ungeschicklichs magst beginnen.
Wenn andre durcheinander rennen,
Sollst du’s mit treuem Blick erkennen;
Wenn andre bärmlich sich beklagen,
Sollst schwankweis deine Sach fürtragen;
Sollst halten über Ehr’ und Recht,
In allem Ding sein schlicht und schlecht;
Frummkeit und Tugend bieder preisen,
Das Bös’ mit seinem Namen heißen,
Nichts verzierlicht und nichts verkritzelt,
Nichts verlindert und nichts verwitzelt!
Sondern die Welt soll vor dir stehn,
Wie Albrecht Dürer sie hat gesehn:
Ihr festes Leben und Männlichkeit,
Ihr inner Maß und Ständigkeit!
Der Natur-Genius an der Hand
Soll dich führen durch alle Land.
Soll dir zeigen all das Leben,
Der Menschen wunderliches Weben,
Ihr Wirren, Suchen, Stoßen und Treiben,
Schieben, Reißen, Drängen und Reiben,
Wie kunterbunt die Wirtschaft tollert,
Der Ameishauf durcheinander kollert!
Mag dir aber bei allem geschehn,
Als tätst’s in ein’m Zauberkasten sehn.
Schreib das dem Menschenvolk auf Erden,
Ob’s ihnen möcht’ zur Witzung werden.“
Da macht sie ihm ein Fenster auf,
Zeigt ihm draußen viel bunten Hauf,
Unter dem Himmel allerlei Wesen,
Wie ihr’s mögt in sein’n Schriften lesen.

Wie nun der liebe Meister sich
An der Natur freut inniglich,
Da seht ihr an der ändern Seiten
Ein altes Weiblein zu ihm gleiten:
Man nennet sie Historia,
Mythologia, Fabula;
Sie ist rümpfet, schrumpfet, bucklet und krumb,
Aber eben ehrwürdig darumb.
Sie schleppt mit keuchend wankenden Schritten
Ein’ große Tafel, in Holz geschnitten;
Drauf seht ihr mit weiten Ärmeln und Falten
Gott Vater Kinderlehre halten,
Adam, Eva, Paradeis und Schlang’,
Sodom und Gomorras Untergang,
Könnt auch die zwölf durchlauchtigen Frauen
Da in ein’m Ehrenspiegel schauen;
Dann allerlei Blutdurst, Frevel und Mord,
Der Zwölf Tyrannen Schanden-Port,
Auch allerlei Lehr’ und gute Weis’,
Könnt sehen Sankt Peter mit der Geiß,
Über der Welt Regiment unzufrieden,
Von unserm Herrn zurecht beschieden.
Auch war bemalt der weite Raum
Ihres Kleids und Schlepps und auch der Saum
Mit weltlich Tugend- und Laster-Geschicht.

Unser Meister dies all ersieht
Und freut sich dessen wundersam,
Denn es dient wohl in seinen Kram.
Von wannen er sich eignet sehr
Gut Exempel und gute Lehr’,
Erzählt das alles fix und treu,
Als wär’ er selbst gesyn dabei.
Sein Geist war ganz dahin gebannt,
Er hätt’ kein Aug’ davon verwandt,
Hätt’ er nicht hinter seinem Rucken
Hören mit Klappern und Schellen spuken.
Da tat’ er einen Narren spüren
Mit Bocks- und Affensprüngen hofieren

Und ihm mit Schwank und Narreteiden
Ein lustig Zwischenspiel bereiten.
Schleppt hinter sich an einer Leinen
Alle Narren, großen und kleinen,
Dick und hager, gestreckt und krumb,
Allzuwitzig und allzudumb.
Mit einem großen Farrenschwanz
Regiert er sie wie ’n Affentanz:
Bespottet eines jeden Fürm,
Treibt sie ins Bad, schneidt ihnen die Würm
Und führt gar bitter viel Beschwerden,
Daß ihr’ doch nie wöll’n minder werden.

Wie er sich sieht so um und um,
Kehrt ihm das fast den Kopf herum,
Wie er möcht’ Worte zu allem finden?
Wie er möcht’ so viel Schwall verbinden ?
Wie er möcht’ immer mutig bleiben,
Das all zu singen und zu schreiben ?
Da steigt auf einer Wolke Saum
Herein zu ’s Oberfensters Raum
Die Muse, heilig anzuschaun,
Wie ’n Bild unsrer lieben Fraun.
Die umgibt ihn mit ihrer Klarheit
Immer kräftig wirkender Wahrheit,
Sie spricht: „Ich komm’, um dich zu weihn,
Nimm meinen Segen und Gedeihn!
Das heilig Feuer, das in dir ruht,
Schlag’ aus in hohe lichte Glut!
Doch daß das Leben, das dich treibt,
Immer bei holden Kräften bleibt,
Hab’ ich deinem innern Wesen
Nahrung und Balsam auserlesen,
Daß deine Seel’ sei wonnereich,
Einer Knospe im Taue gleich.“

Da zeigt sie ihm hinter seinem Haus
Heimlich zur Hintertür hinaus
In dem eng umzaunten Garten
Ein holdes Mägdlein sitzend warten

Am Bächlein, beim Holunderstrauch;
Mit abgesenktem Haupt und Aug’
Sitzt’s unter einem Apfelbaum
Und spürt die Welt rings um sich kaum,
Hat Rosen in ihr’n Schoß gepflückt
Und bindet ein Kränzlein gar geschickt,
Mit hellen Knospen und Blättern drein.
Für wen mag wohl das Kränzel sein?
So sitzt sie in sich selbst geneigt,
In Hoffnungsfüll’ ihr Busen steigt,
Ihr Wesen ist so ahndevoll,
Weiß nicht, was sie sich wünschen soll,
Und unter vieler Grillen Lauf
Steigt wohl einmal ein Seufzer auf.
Warum ist deine Stirn so trüb ?
Das, was' dich dränget, süße Lieb’,
Ist volle Wonn’ und Seligkeit,
Die einem in dir ist bereit,
Der manches Schicksal wirrevoll
An deinem Aug’ sich lindern soll,
Der durch manch wunniglichen Kuß
Wiedergeboren werden muß.
Wie er den schlanken Leib umfaßt,
Von aller Müh er findet Rast,
Wie er ins runde Ärmlein sinkt,
Neue Lebenstäg’ und Kräfte trinkt;
Und dir kehrt süßes Jugendglück,
Deine Schalkheit kehret dir zurück.
Mit Necken und manchen Schelmerein
Wirst ihn bald nagen, bald erfreun:
So wird die Liebe nimmer alt,
Und wird der Dichter nimmer kalt.

Weil er so heimlich glücklich lebt,
Da droben in den Wolken schwebt
Ein Eichenkranz, ewig jung belaubt,
Den setzt die Nachwelt ihm aufs Haupt;
In Froschpfuhl all das Volk verbannt,
Das seinen Meister je verkannt!





alle Gedichte von Goethe                                                                                       weiter


Jugendlyrik Goethes

Keine Kommentare: