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2013-12-23

Gedichte v. J.W.von Goethe: Ihro der Kaiserin von Frankreich Majestät (112)




Ihro der Kaiserin von Frankreich Majestät

Sieht man den schönsten Stern die Nacht erhellen,
So wird das Auge wie das Herz erquickt;
Doch wenn in seltnen langersehnten Fällen
Ein herrliches Gestirn zum ändern rückt,
Die nahverwandten Strahlen sich gesellen,
Dann weilt ein jeder schauend, hochentzückt;
So unser Blick, wie er hinauf sich wendet,
Wird vom Verein der Majestät geblendet.

Wir denken noch, wie sie hinweggezogen,
Der Eltern Lust, die holde Friedensbraut;
Schon beugten sich des Rheines edle Wogen.
Die beiden Ufer lächelten vertraut;
So freut die Erde sich am Himmelsbogen,
Von farbigen Juwelen aufgebaut,
Der, wenn er schon vor unsern Augen schwindet,
Den Frieden sichert, den er angekündet.

Im neuen Reich empfängt sie das Behagen
Von Millionen, die aus düstrer Nacht
Aufschauen wieder zu gesunden Tagen,
Zum festen Leben abermals erwacht.
Ein jeder fühlt sein Herz gesichert schlagen
Und staunet nun, denn alles ist vollbracht,
Die holde Braut in lebensreichem Scheine —
Was Tausende verwirrten, löst der Eine.

Worüber trüb Jahrhunderte gesonnen,
Er übersieht’s in hellstem Geisteslicht,
Das Kleinliche ist alles weggeronnen,
Nur Meer und Erde haben hier Gewicht;
Ist jenem erst das Ufer abgewonnen,
Daß sich daran die stolze Woge bricht,
So tritt durch weisen Schluß, durch Machtgefechte
Das feste Land in alle seine Rechte.

Und wenn dem Helden alles zwar gelungen,
Den das Geschick zum Günstling auserwählt,
Und ihm vor allen alles aufgedrungen,
Was die Geschichte jemals aufgezählt;
Ja reichlicher als Dichter je gesungen! —
Ihm hat bis jetzt das Höchste noch gefehlt;
Nun steht das Reich gesichert wie geründet,
Nun fühlt er froh im Sohne sich gegründet.

Und daß auch diesem eigne Hoheit g’nüge,
Ist Roma selbst zur Wächterin bestellt.
Die Göttin, hehr an ihres Königs Wiege,
Denkt abermal das Schicksal einer Welt.
Was sind hier die Trophäen aller Siege,
Wo sich der Vater in dem Sohn gefällt?
Zusammen werden sie des Glücks genießen,
Mit milder Hand den Janustempel schließen.

Sie, die zum Vorzug einst als Braut gelanget,
Vermittlerin nach Götterart zu sein,
Als Mutter, die, den Sohn im Arme, pranget,
Befördre neuen, dauernden Verein;
Sie kläre, wenn die Welt im Düstern banget,
Den Himmel auf zu ew’gem Sonnenschein!
Uns sei durch sie dies letzte Glück beschieden 
Der alles wollen kann, will auch den Frieden.





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