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2013-12-01

G.Herwegh-Gedichte eines Lebendigen: Georg Büchner II (90)






II.

Gleich Rosenhauch auf einer Jungfrau Wangen
Sehe ich den Abend im Gebirge prangen,
Im zarten Dufte glühen sie vor mir
Die Gletscher, denen treu die Sonne hier
Ihr erstes und ihr letztes Lächeln zeigt,
Und aus den Flammen wie ein Phönix steigt
Der Mond mit silberstrahlendem Gefieder,
In jede Woge taucht sein Bildnis nieder,
Ob stumm sie ruht, ob leuchtend sie sich bricht,
Sie wird verklärt und er vergißt sie nicht;
So mag der Geist der Welt in unser Denken,
In jede Blüte, jede Brust sich senken.
Dem Mond streut still mit schmeichelnder Gebärde
Goldwölkchen auf die Bahn des Abends Wehen
Gleich Blumen, doch nicht Blumen dieser Erde,
Die welken müssen, ehe sie vergehen;
Dort in den Nachen wirft mit kalter Hand
Sein letztes Gold, das herbstlich gelbe Land,
Und meine Seele sieht in süßer Ruhe
Der Perlen Träufeln von den Rudern zu,
Wie sie von Ringen hin zu Ringen tönen,
Ein fliegendes Symbol der Ewigkeit,
Und endlich sich, von jeder Form befreit,
Gestaltlos mit dem Element versöhnen.
O Geist, der über diesen Wassern lebt,
Der hier aus diesen kühlen Gründen taut,
Der aus der Tiefe Himmel wiederblaut,
Du Geist des Friedens, der mich jetzt umschwebt,
Der sich den Äther maßlos läßt entfalten,
Der Erde stillen Drang zum Lenz gestalten --

So liebend beute die Luft des Vogels Schwingen,
Der Harfe Ton, um drin sich auszuklingen --
Was hast Du uns um diesen Stern betrogen,
Und, ehe' es Tagen wollte, uns entzogen
Den Genius, der Dir so rein verwandt,
Sich in Dein All, wie Hauch in Hauch empfand,
D'rein wie in einer Blume Kelch sich senkte,
Und draus ein Herz, so gottesdurstig, tränkte?
Du hast ein Auge der Natur genommen,
Das ihr in ihre tiefste Seele sah,
Um einen Beter bist Du selbst gekommen --
Um einen Beter? ei, so staunet, ja!
Um keinen Beter, ruhig, sicher, still, --
Die Flamme bebt, wenn sie nach oben will!
Um keinen Beter -- nein, um keinen Wurm --
Es tobt das Meer und lobt den Herrn im Sturm!
Der Blumen schönste brauchet einen Dorn,
Ein edles Herz zu Schutz und Trutz den Zorn;
Manch heiß Gebet hüllt sich in einen Fluch,
Wie unsere Hoffnung in das Leichentuch.






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