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2013-12-06

Julius Rodenberg-Unter den Wassern (4)

Julius Rodenbergs Gedichte



Unter den Wassern

Immer, wenn mich der Nachen trägt
In das offene Meer aus dem Hafen,
Dann denk' ich an alle tiefbewegt,
Die unter den Wassern schlafen;
An alle, die bei Novemberwind
Verschlang des Wassers Tosen,
An Mann und Weib, an Mutter und Kind,
An Schiffskapitän und Matrosen.

Das Meer, das jetzt sich bebt und senkt
Und hell in der Sonne zittert:
Dasselbe Meer hat sie ertränkt,
Hat Masten und Deck zersplittert.
Wie da der Regen vom Himmel goss,
Wie die Wogen stiegen und sanken,
Wie durch den Kiel das Wasser schoss –
Das steht vor meinen Gedanken.

Wie die Mannschaft stand mit zerwühltem Haar
Mit schaumzerfressenen Jacken;
Wie hier ein verzweifelt Elternpaar –
Wie dort mit bläulichen Zacken
Der Blitz einschlug; wie die Mutter barg
Ihr wimmerndes Kind mit Schmerzen, –
Das ganze Schiff ein sinkender Sarg
MIt hundert brechenden Herzen ...

Wie das Schiff umschlug, mit Mann und Maus,
Alle versanken, ertranken ...
Ha! dort reckt noch ein Arm sich heraus
Und greift nach den treibenden Planken ...
Und dort ein Gesicht, so verzerrt, als hab'
Es den schrecklichen Tod schon empfunden –
Noch einmal herauf, noch einmal hinab,
Und dann – auf ewig verschwunden.

O weites Meer, so voll Schrecken und Tod –
Du Kirchhof der Menschen und Schiffe:
Deine Rosen sind Morgen- und Abendrot,
Und schwank' ich auf dir, so denk' ich an die,
Die unter den Wassern schlafen;
Und Sehnsucht ergreift mich – Sehnsucht wie nie,
Nach dem fernen Land und den Hafen.





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