> Gedichte und Zitate für alle: P.Dehmel-Das liebe Nest: Räuber und Prinzessin 2 (102)

2013-12-16

P.Dehmel-Das liebe Nest: Räuber und Prinzessin 2 (102)





Erste Szene

Der König tritt auf, vom Kanzler begleitet.


König:

Der Sommerabend ist so schön,
da muß man doch spazieren gehn.
Die Rosen duften süß, hazieh!
Die Nachtigall singt türütü –
– wie schmerzt mein linker großer Zeh,
und auch der rechte tut schon weh.
Den Schuster häng mir an den Galgen,
(Kanzler verbeugt sich)
denn er gehört zu den Kanallgen.
(König schnüffelt in die Luft)
Wie duftet's hier nach Bratkartoffeln,
da krigt man wirklich Appetit.
Geh, Kanzler, hol mir die Pantoffeln,
und bring die Abendzeitung mit.
(Kanzler verbeugt sich und will gehn)
Halt! hemme noch den eiligen Lauf
und setz mir erst die Brille auf.
(Kanzler tut's, dann ab.)
Ein König muß sich informieren,
es könnt doch was im Land passieren.
(Kanzler kommt mit der Zeitung und den Pantoffeln zurück.)

Kanzler:

Hier, König, bringe ich die Zeitung,
die allerneuste Meinungsleitung.
Auch Schlupfschuh hier aus Woll' und Watte,
wie Majestät befohlen hatte;
und frage untertänigst an,
ob ich noch sonstwie dienen kann.

König:

Nun ja, rück mir die Krone grade;
denn fiel sie runter, wär's doch schade.
(Kanzler rückt die Krone zurecht.)
Was steht denn hier im Tageblatt?
Prinz Kasimir kommt in die Stadt?
Da wird er uns gewiß besuchen.
He, Kanzler, haben wir noch Kuchen?

Kanzler:

Herr, nicht 'ne einzige Butterschrippe.

König:

Na, häng nicht gleich die Unterlippe;
hol Streußelkuchen vom Konditor,
auch Vollmilch, einen halben Litor.

Kanzler:

Ach, Herr, von Geld ist keine Spur.

König:

Das schad't nix, Kanzler; pumpe nur.
Wir Könige lassen uns nicht lumpen,
und sollten wir die Welt auspumpen.
Geh jetzt und sorge für mein Land
mit Militär und mit Verstand!
(Kanzler verneigt sich, tritt vor.)

Kanzler:

Was hat ein Kanzler doch für Sorgen;
wo soll ich bloß schon wieder borgen?
Wer schafft mir von der Deutschen Bank
den Schlüssel zu dem Kassenschrank?
Reichskanzler sein ist wirklich schwer;
ich dachte nicht, daß es so wär.
Ich annonciere in der »Quelle«,
vielleicht krieg ich 'ne andre Stelle.
(Kanzler ab.)
König (lesend):

Den Streik, den soll der Kuckuck holen!
Wir haben so schon keine Kohlen,
mein Thronsaal wird tagtäglich kälter,
und ich – ich werde immer älter.
Auf diese Bank will ich mich legen,
ein Stündchen süßer Ruhe pflegen.
(Legt sich hin und schnarcht.)






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