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2014-01-29

Gedichte v. A.v.Chamisso: Recht empfindsam (59)



Recht empfindsam

Tochter

Meine teuren Eltern, habt Erbarmen,
Laßt mein Leid erweichen euren Sinn,
Nahm ich diesen Mann, in seinen Armen
Welkt ich, zarte Blume, bald dahin!

Vater

Mutter, sieh, wie sie sich zieret!
Hör, du dumme Trine, du,
Einen Mann sollst du bekommen,
Greif mit beiden Händen zu.

Tochter

Rauher Wirklichkeit nur mag er frönen;
Ohne Zartheit, ohne Poesie,
Ungebildet, kann er nur mich höhnen,
Mich verstehen, nein, das wird er nie!

Vater

Mutter, die verfluchten Bücher
Müssen ihr den Kopf verdrehn.
Waren wir denn je gebildet?
Konnten wir uns je verstehn?

Tochter

Wo die Herzen fremd einander blieben,
Knüpft ihr nicht ein gottgefällig Band;
Weder achten kann ich ihn noch lieben.
Nimmermehr erhält er meine Hand!

Vater

Mutter, hör die dumme Trine,
Hör doch, was es Neues gibt!
Haben wir uns je geachtet?
Haben wir uns je geliebt?

Tochter

Lieber will ich in ein Kloster fliehen,
Gibt’s kein Kloster, in mein frühes Grab;
Wohl denn! dieser Schmach mich zu entziehen,
Stürz ich in die Wellen mich hinab!

Vater

Hast du endlich ausgeredet?
Gut, du bleibst mir heut zu Haus,
Hältst dein Maul und nimmst den Bengel,
Punktum, und das Lied ist aus.




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