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2014-01-12

Gedichte von J.Ringelnatz: Wege (108)




Wege

Der Schwindel barmte laut und bog
Sich tief, dann dicht, und log und log.

Ein Ehrlicher schlich hinterher
Und hielt sich still und tat sich schwer.

Der Schwindel klebte sich wie Leim,
Gab groß, nahm klein und sprach von „Heim“ ,

Erwarb sich Kenntnis und Vertraun
Und steckte sich dann hinter Fraun,

Ward unterstützt, ward fest und steif,
Gab klein, nahm groß und fühlte „reif“ .

Der Schwindel trotzte unverblümt.
Er ward bekannt. Er ward berühmt.

Er zog nach unten hin Vergleich.
Er rückte ab. Er wurde reich.

Der Schwindel fühlte sich und schoß.
Wenn einer widersprach, dem goß

Geblufft, bezahlt, Majorität
Ins Auge Popularität.

Der Schwindel war geschützt, gemacht,
Nur ruhelos bei Tag wie Nacht.

Denn er gedachte ohne Ruh
Des Ehrlichen; doch gab’s nicht zu,

Vernahm und brachte dessen Schritt
Mit Hohn, dann Wut in Mißkredit.

Der Schwindel, längst gemacht, war satt,
Stand überall in jedem Blatt.

Der Ehrliche kam fromm und schwer,
Ganz müde, spät, des Wegs daher,

Ging still vorbei und fromm und schwer.
Und er erreichte sehr viel mehr.



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