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2014-01-17

Ulk.-Nonsens-und Scherzgedichte: E.Mühsam: Die Leiche im Walde (25)




Erich Mühsam

Die Leiche im Walde

Nacht lag überm Waldesschweigen,
graue Nacht. Es schlich der bleiche
Vollmond über schwanken Zweigen,
fahl beleuchtend eine Leiche.

Um die modernden Gebeine
scholl der Krähen krächzend Klagen,
Ach, in diese stillen Haine
hatten mehr ihr Leid getragen.

Ihn, der dort am Baume schwebte,
wo des Waldes Schwarz sich lichtet,
ihn, der fromm und friedlich lebte,
hatt’ ein Weib zugrund gerichtet.

Um sie warb er täglich, stündlich,
das sie sich mit ihm vermähle.
Rätselhaft und unergründlich
ist jedoch die Frauenseele.

Das den Nachbarn sie umarme,
war’s, was erst ihm Lüge deuchte,
bis er, schier erdrückt von Harme,
nächtens ihr ins Fenster äugte.

Anfangs trug er seinen Kummer
tiefbetrübt in eine Schenke,
hoffend, das im Weinesschlummer
er nicht mehr der Liebsten denke.

Aber bald ward’s ihm begreiflich:
hin zum Glück führt keine Brücke.
Eh’ er’s noch bedachte reiflich,
griff er dann verzagt zum Stricke.

Als eine Leiche hing er schließlich
mondhell in des Waldes Lichtung,
keinem in der Welt ersprießlich
als nur mir für meine Dichtung.



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