> Gedichte und Zitate für alle: Der Besuch im Gedicht/Besuchsgedichte v. Gellert u. Lessing (1)

2014-02-12

Der Besuch im Gedicht/Besuchsgedichte v. Gellert u. Lessing (1)

Empfang des Besuches


Christian Fürchtegott Gellert

Der gütige Besuch

Ein offner Kopf, ein muntrer Geist,
Kurz, einer von den feinen Leuten,
Die ihr Beruf zu Neuigkeiten
Nie denken, ewig reden heißt;
Die mit Gewalt es haben wollen,
Daß Kluge närrisch werden sollen;
Ein solcher Schwätzer trat herein,
Dem Dichter den Besuch zu geben.
"O!" rief er, "welch ein traurig Leben!
Wie? schlafen Sie denn nicht bei ihren Büchern ein?
So sind Sie denn so ganz allein,
Und müssen gar vor Langerweile lesen?
Ich dacht es wohl, drum kam ich so geschwind."

"Ich bin", sprach der Poet, "noch nie allein gewesen
Als seit der Zeit, da sie zugegen sind."
Gotthold Ephraim Lessing

Entschuldigung wegen unterlassenes Besuchs

So wahr ich lebe, Freund, ich wollte ganze Tage
Und ganze Nächte bei dir sein:
Um mich mit dir die ganzen Tage,
Die ganzen Nächte zu erfreun.
Doch tausend Schritte sinds, die unsre Wohnung trennen;
Und hundert wohl noch obendrein.
Und wollt ich sie auch gern, die tausend Schritte, rennen,
Und jene hundert obendrein:
So weiß ich doch, daß ich am Ende
Des langen Wegs dich zwanzigmal nicht fände.
Denn öfters bist du nicht zu Hause,
Und manchmal bist dus nicht für mich:
Wenn nach dem langen Zirkelschmause
Der kleinste Gast dir hinderlich.
Ich wollte, wie gesagt, gern tausend Schritte rennen,
Dich, liebster Freund, dich sehn zu können:
Doch, allzu weiter Freund, dich nicht zu sehn,
Verdreußt michs, einen nur zu gehn.

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