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2014-02-15

Gedichte von K.Tucholsky: Drei Minuten Gehör (33)




Drei Minuten Gehör

Drei Minuten Gehör will ich von Euch, die ihr arbeitet - !

Von Euch, die Ihr den Hammer schwingt,
von Euch, die Ihr auf Krücken hinkt,
von Euch, die Ihr die Feder führt,
von Euch, die Ihr die Kessel schürt;
von Euch, die mit den treuen Händen
dem Manne ihre Liebe spenden -
von Euch, den Jungen und den Alten
Ihr sollt drei Minuten innehalten.
Wir sind ja nicht unter Kriegsgewinnern.
Wir wollen uns einmal erinnern.

Die erste Minute gehöre dem Mann.
Wer trat vor 8 Jahren in Feldgrau an?
Zuhause die Kinder - Zuhause weint Mutter ...
Ihr, feldgraues Kanonenfutter-!
Ihr zogt in den lehmigen Ackergraben.
Da saht Ihr keinen Fürstenknaben:
Der soff sich einen in der Etappe
und ging mit den Damen in die Klappe.
Ihr wurdet geschliffen. Ihr wurdet gedrillt.
Wart Ihr noch Gottes Ebenbild?
In der Kaserne - im Schilderhaus -
wart Ihr niedriger als die schmutzigste Laus.
Der Offizier war eine Perle.
Aber Ihr wart nur »Kerle«!
Ein elender Schieß- und Grüß-Automat.
»Sie Schwein! Hände an die Hosennaht -!«

Verwundete mochten sich krümmen und biegen:
Kam ein Prinz, dann hatten sie stramm zu liegen.
Und noch im Massengrab wart Ihr die Schweine:
die Offiziere lagen alleine!
Ihr wart des Todes billige Ware ...
So ging das vier lange blutige Jahre.
Erinnert Ihr Euch - ?

Die zweite Minute gehöre der Frau.
Wem -wurden zu Hause die Haare grau?
Wer schreckte, wenn der Tag vorbei,
in den Nächten auf mit einem Schrei?
Wer ist es vier Jahre hindurch gewesen,
der anstand in langen Polonaisen,
indessen Prinzessen und ihre Gatten
alles, alles, alles hatten - !
Wem schrieben sie einen kurzen Brief,
daß wieder einer in Flandern schlief?
Dazu ein Formular mit zwei Zetteln ...
Wer mußte hier um die Renten betteln?
Tränen und Krämpfe und wildes Schrein.
Er hatte Ruhe. Ihr wart allein.
Oder sie schickten ihn, hinkend am Knüppel,
Euch in die Arme zurück als Krüppel.
So sah sie aus, die wunderbare
große Zeit - vier lange Jahre —
Erinnert Ihr Euch - ?

Die dritte Minute gehöre den Jungen!
Euch haben sie nicht in die Jacken gezwungen!
Ihr wart noch frei! Ihr seid heute frei!
Sorgt dafür, daß es immer so sei!
An Euch hängt die Hoffnung. An Euch das Vertraun
Von Millionen deutschen Männern und Frau’n.

Ihr sollt nicht strammstehn. Ihr sollt nicht dienen!
Ihr sollt frei sein! Zeigt es ihnen!
Und wenn sie Euch kommen und droh’n mit Pistolen
Geht nicht! Sie sollen Euch erst mal holen!
Keine Wehrpflicht! Keine Soldaten!
Keine Monokel-Potentaten!
Keine Orden! Keine Spaliere!
Keine Reserveoffiziere!
Ihr seid die Zukunft! Euer das Land!
Schüttelt es ab - das Knechtschaftsband - !
Und zum Schlusse von den drei Minuten:
Denkt aller deren, die damals bluten,
bluten mußten und elend sterben
und elend in fremdem Lande verderben.
Ein Gruß allen toten Kameraden!
Ein Gruß den Opfern der Kriegsparaden!
Ein Gruß an die da draußen in Flandern,
in Polen, in Frankreich und an alle die andern!
Denkmäler - Tafeln - das ist nichts.
Wir geloben am Tage des Gerichts:
Die Kameraden aus allen Heeren -
die Toten wollen wir anders ehren!
Wir alle wollen - heute und morgen -
für Frieden - für ewigen Frieden sorgen!
Das sei unser Kampf. Das sei unser Sieg.
Ich rufe für Euch: »Nie wieder Krieg!«


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