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2014-02-12

Nächtlicher Besuch-Besuchsgedicht von R.Presber (10)



  Rudolf Presber 

Nächtlicher Besuch

Ich hatte lange genug gewacht
Bei Rotspon und Lektüre -
Nun schlief ich. Da, um Mitternacht
Knarrt eklig meine Türe.
Und mit dem Auge, schlafgetrübt,
Schau' ich, wie von der Seite
Ein Schatten sich zum Fenster schiebt
Im langen weißen Kleide.
Ein Mann beträchtlichen Formats
Stand dort dem Mond im Wege -
Ich kannt' ihn gleich: es war Horaz,
Der römische Kollege!

"Sie," rief ich - ohne viel Pläsier
An dieser Geisterszene -
"Falerner hab' ich keinen hier,
Und tot sind die Mäzene.
Und wenn Sie etwa Not beschlich
Durch Alkoholvergiftung,
So wenden Sie gefälligst sich
Nur an die Schiller-Stiftung.
Was - unterm Arm ein Kodizill?
Der Himmel soll Sie strafen!
Und übrigens, Verehrter, will
Um diese Zeit ich schlafen!"

Als ob dem Druck geheimen Drahts
Gehorcht das Kerlchen hätte,
Stand der gespenstische Horaz
Schon dicht an meinem Bette,
Und seine Finger, feist und platt,
Drückt jetzt das Geisterwesen
Auf ein zerknülltes Zeitungsblatt
Und sprach: "Hast du gelesen?
Hast du? Und liegst in fauler Ruh -"
(Und seine Stimme grollte)
"Derweil ein Schlemmer, so wie du,
Das Haupt verhüllen sollte!

Pompejis alte Totenstadt,
Die längst Lebend'ge fliehen,
Aus Stein und Schutt und Lava hat
Ein Feuer ausgespien.
Man grub - und ach, was bot sich da
Dem kritischen Gezänke?
Der Via Abundantia
Versunkne Schlemmerschenke!
Und Krüge standen noch voll Wein,
Und auf dem Tische Becher;
Und starr und steif saß mitten drein
Ein skelettierter Zecher.

Der Mann hat meine Lieder oft
Gelobt und auch gesungen,
Bis dem Vesuvio unverhofft
Ein Flammenstrauß entsprungen.
Der Trinker hatt' sein Augenmerk
Auf Weib und Wein gerichtet
Und lachte, als das Feuerwerk
Schon Dach und Wand vernichtet.
So hockt' er, Becher in der Hand,
Sog Rebenduft und schmeckte,
Bis Lava, Steinschlag, Feuerbrand
Für alle Zeit ihn deckte ...

Oh, zeche nie, wo ein Vulkan
Rumort in deiner Nähe!
Wie schnell ist es um dich getan -
Lava ist heiß und zähe!
Der Feuerbrei, den wild gebiert
Der Schlund, der sonderbare,
Der spinnt dich ein und konserviert
Dich viele hundert Jahre:
Und gräbt man dann die Schenke um
Und findet dich daneben,
Dann bleibt das üble Odium
Des Saufens an dir kleben!

Beschau', eh' solcher Schimpf geschah,
Den ausgegrabnen Mahner,
Der Via Abundantia
Verschlemmten Pompejaner.
Der olle Römer saß und saß
Und hat den Trunk gesegnet,
Bis ihm der Spukberg all sein Glas
Mit Asche vollgeregnet;
Und weil er saufend kam, als wie
Ein Vieh, im schwarzen Schnee um,
Drum schafft man ihn nach Napoli
Zur Warnung ins Museum!" 

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