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2014-03-11

M. Dauthendey: Weltspuk: Ich spüre dich im Dunkel nah (57)




Ich spüre dich im Dunkel nah

Ohne Schatten läßt uns die mondleere Nacht.
Ich spüre dich im dunkel nah und habe acht
Auf deine Augen und Lippen, die mir tags zugelacht.

Beim Haus riecht die Nachtluft nach Traubenmost, jung gegoren,
Als sprang' uns aus den Kellersteinen entgegen, unverfroren,
Der nackte Weingott mit dem Traubenkranz rund um die Ohren.

Der Hofhund schlägt an bei des Hauses beleuchteten Scheiben.
Der Haustüre Licht gibt uns Schatten, die müssen zurücktreiben
Und weite Bogen hinaus in die Nacht beschreiben,
Als können wir Verliebten nur im Dunkel uns nahe bleiben.

Lange Nebel, dahinter die Glocken läuten
Als wollt' im Herbst der Himmel sich häuten,
Schleift jeder Morgen die Nebel nach,
Lange Nebel, dahinter die Glocken läuten;
Die Welt wohnt unter grauem Dach.
Die Nebel sich über die Menschen bücken,
Die Menschen erscheinen nur langsam in Stücken,
Dort ein Arm, dort ein Kopf, dort ein Leib ohne Bein,
Als sielen die Glieder den Schultern zur Last,
Und jedes Glied trennt sich und schwebt allein.
Die Schritte kommen und gehen mit Hast
Doch ist bei den Schritten kein Körper zu sehen,
Nur ein Schatten, dem scheint alle Schwere genommen;
Und der Schatten zieht platt in die Leere hinein,
Als sei ein Fisch glatt vorübergeschwommen,
Als ob deine Welt keine Menschen mehr hat,
Nur Nebelwische an Menschen statt,
Nur Wasserschichten und glitschige Fische.
Und du sitzt allein unterm Nebelgewichte
Wie der Letzte an einem verlassenen Tische.
Zu Nebel wurden die Schaugerichte,
Du gießt dir statt Wein nur Nebel ins Glas.
Nur ein Gedanke wirst du dem ändern sein,
Wenn dich dein eigener Leib vergaß,
Und es stellt dein Herz seine Schritte ein
Und fällt wie der Nebel ins Gras.

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