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2014-04-28

Frank Wedekind-Gedichte: Schriftstellerhymne (52)



Schriftstellerhymne

Der Schriftsteller geht dem Broterwerb nach
Mit ausgefransten Hosen.
Er schläft sieben Treppen hoch unterm Dach
Mit ausgefransten Hosen.
Schöner, grüner Lorbeerzweig, der dich neckt
Und die Stirn bedeckt, wenn der Lump verreckt,
Mit ausgefransten Hosen.

Ist irgendwer gegen sein Schicksal erbost
Mit ausgefransten Hosen,
Der Schriftsteller bringt auch dem Ärmsten noch Trost
Mit ausgefransten Hosen.
Schöner, grüner Lorbeerzweig, der dich neckt
Und die Stirn bedeckt, wenn der Lump verreckt,
Mit ausgefransten Hosen.

Der König spricht nach, was ein Schriftsteller schrieb
Mit ausgefransten Hosen.
Dem Volk ist er fast wie sein König so lieb
Mit ausgefransten Hosen.
Schöner, grüner Lorbeerzweig, der dich neckt
Und die Stirn bedeckt, wenn der Lump verreckt,
Mit ausgefransten Hosen.

Der Schriftsteller ragt zu den Sternen empor
Mit ausgefransten Hosen.
Er raunt seiner Zeit ihre Wonnen ins Ohr
Mit ausgefransten Hosen.
Schöner, grüner Lorbeerzweig, der dich neckt
Und die Stirn bedeckt, wenn der Lump verreckt,
Mit ausgefransten Hosen.

Der Schriftsteller schafft am Webstuhl der Zeit
Mit ausgefransten Hosen.
So wirkt er der Gottheit lebendiges Kleid
Mit ausgefransten Hosen.
Schöner, grüner Lorbeerzweig, der dich neckt
Und die Stirn bedeckt, wenn der Lump verreckt,
Mit ausgefransten Hosen.

Und trägt er die Schriftstellerei zu Grab
Mit ausgefransten Hosen,
Gleich lösen ihn hundert Schriftsteller ab
Mit ausgefransten Hosen.
Schöner, grüner Lorbeerzweig, der dich neckt
Und die Stirn bedeckt, wenn der Lump verreckt,
Mit ausgefransten Hosen.

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