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2014-04-26

F.Wedekind-Gedichte: Fromme Wünsche (38)




Fromme Wünsche

Die Krämerseelen, die gleich einem Alp
Des Volkes pochend Herz in Ängsten halten,
Andächtig kniend vor dem Goldnen Kalb,
Erdrosselnd, was sich freudig will entfalten,
Gefeit wie Porphyr gegen das Geschoß
Des heil’gen Geists und seine Siegesflammen
Erstickend mit dem Hunger als Genoß,
Sie möge Gott verfluchen und verdammen!

Die feilen Streber, die den Dirnen gleich
Dem Mächt’gen ihr Unsterbliches verschachern,
Vor Unterwürfigkeit und Demut bleich
Vor staatlich offiziellen Seligmachern,
Und harte Drücker, wo ein schlichter Mann
Des freien Hirns Gedanken wagt zu denken,
Sie möge Gott, wenn es geschehen kann,
In des Vergessens Dunkel jäh versenken!

Die schneid’gen Laffen, die sich vollgesaugt
Auf bierbesoffnen Universitäten
Mit dummem Hochmut, welcher einzig taugt,
Um Freigebornen auf den Kopf zu treten,
Philisterseelen, niedre Torenbrut,
Das Biergesicht zerschunden auf Mensuren —
Lohn ihnen Gott nicht ihr verspritztes Blut!
Er überlaß das füglich ihren ... Weibern!

Die strengen Herren, denen Spiel und Lust
Es dünkt, im Menschenantlitz Qual zu schauen,
Als Richter werfen sie sich in die Brust,
Und ihre Kunst verbreitet Angst und Grauen;
Es kommt kein Kind so unschuldsvoll zur Welt,
Daß ihm nicht gleich ein Zuchthaus offenstände —
Mach, güt’ger Gott, der schweren Not ein Ende,
Die deiner Schöpfung Lebensgunst vergällt!

Die eitlen Götzen, die der großen Schar
Das wahre reine Tageslicht verdecken
Und denen die betörten Menschen gar
In abergläubischer Furcht die Füße lecken,
Sie sollen fallen! Kommen soll einmal
Ein lebend starker Gott in Sturm und Wettern
Und soll der Menschheit angestammte Qual
Mit diesen Götzen in den Staub zerschmettern.

Hermann



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