> Gedichte und Zitate für alle: Gedichte v.Droste-Hülshoff: Der Dichter (12)

2014-04-03

Gedichte v.Droste-Hülshoff: Der Dichter (12)




Der Dichter

Das All der Welten unendlich umkreist
Im schwebenden Fluge mein unsteter Geist;
Wo führst du mich hin, du gewaltige Macht,
Durch Räume voll Dunkel, durch Weiten der Nacht?

Ich führe dich hin, daß du schauest das Licht,
Wohl ahnet’s dein Busen, doch kennt er es nicht;
Ich führe dich hin durch die Räume der Nacht,
Daß du schauest die Wahrheit in leuchtender Pracht.

Von leuchtendem Glanz ist ihr Thron rings umhellt,
Doch fern nur ein Schimmer erreichet die Welt,
Dran labt sich das kleinliche Menschengeschlecht,
Es heißt die Vernunft ihm, es heißt ihm das Recht.

Doch freut es sich g’nüglich, nicht ahnend, daß hell
Dem Tropfen auch strudle ein strahlender Quell;
Ein engendes Band hüllt die Sinnen ihm ein,
Und Sonnenlicht wähnt es den kärglichen Schein.

Doch regt sich zuweilen lichtdürstend ein Geist,
Die engenden Bande der Sinne zerreißt
Er mächtig, durchdringet im Fluge die Nacht,
Es schwindet der Nebel, er schauet die Pracht.

Begierig dann schlürft er den Strahlenduft ein
Und reget die Schwingen und senkt sich hinein,
Berauscht sich in Gluten und badet voll Lust
Im Meere voll Lichtes die glühende Brust.

Doch darf er nicht weilen; die Erde, sie zieht
Ihn mächtig zurück in ihr kleinlich Gebiet;
Und kehrt er nun wieder, im Busen so warm,
Wie scheint ihm dann alles so kärglich, so arm!

Ihm träufelt das Licht von den Fitt’chen, ihm glüht
Das Feuer vom Auge; verachtend er sieht,
Wie stolz sich das Volk bläht beim ärmlichen Schein,
Und hüllt in errungene Klarheit sich ein.

Die Erde, sie hat ihn verloren, er lebt
In süßer Erinnrung, die hold ihn umschwebt,
Daß außen verwirrt und befremdet er schaut,
Doch drinnen da ist er so innig vertraut.

Drum nennet ihn seltsam und töricht die Welt,
Und sieht nicht den Glanz, der ihn freudig umhellt;
Er höret es lächelnd, kein Tadel ihn drückt,
Er ist ja im Innern so glühend beglückt.

Dem Tode schaut er ins blasse Gesicht,
Er ist ihm ein Bote, er führt ihn zum Licht;
Sein Geist schwingt sich frei in die Welten hinaus;
Sie grüßt er bekannt, wie sein heimisches Haus.

alle Gedichte von Droste-Hülshoff                                    nächstes Gedicht Droste-Hülshoff


alle Gedichtsammlungen dieser Webseite

Keine Kommentare: