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2014-04-23

Gedichte von Frank Wedekind: An die öffentliche Meinung (4)




An die öffentliche Meinung

Laß, Kassandra, deine dumpfen Unkenrufe
Und entrunzle deine gramgefurchte Stirn.
Deiner Schwermut tiefe Danaiden-Rufe,
Ach, entwässert nie dein feuchtes Grübelhirn!
Ewig, ewig sucht der Kreislauf deiner Tränen,
Sucht vergebens ewig des Vergessens Meer.
Hin und wieder nur bezeugt ein langes Gähnen,
Daß der Augen Borne sich nach Schlummer sehnen -
Schlummre, Unglücksgöttin! Gräme dich nicht mehr!

Ach, dein Klagelied - das weiß ja jeder Esel,
Der die Gegend kennt — dein hehres Klagelied
Stirbt bei eines Richters schneidigem Genäsel
Wie der Abendhauch, der durch die Blätter zieht.
Hoffst du Großes durch dein Winseln zu erreichen?
Bringst du deinem teuren Vaterland Gewinn?
Sieh im Zuchthaus die entnervten, sterbensbleichen
Märtyrergestalten durch die Zellen schleichen —
Dort, o Unglücksgöttin, dort gehörst du hin!

Denn der Zufall, der der Welt Geschicke leitet,
Dieser Zufall ist ein wetterwendisch Kind,
Ob der Zufall stolz auf dem Trakehner reitet,
Ob des Kriegs Galeeren seine Träger sind,
Nimmer laß, o Unglücksgöttin, dich gelüsten,
Blindem Zufall siegesfroh zu widerstehn.
Wenn wir selber unser Los zu leiten wüßten,
Wären fromme Türken wir statt wilde Christen -
Gäb es, Unglücksgöttin, dann ein Wiedersehn?!

Deutschland schütze gnädigst Gott vor der Verpestung,
Durch die Gärung deines Geistes rings verpufft.
Deutschlands „Zukunft“ sitzt bekanntlich auf der Festung;
Ach, sie atmet nicht mehr freie Himmelsluft!----
In der Dämmrung gestern ward mir die Erscheinung,
Daß der frömmste Pilger keuchend zu mir trat:
„Rasch, mein Herr, wo wohnt die öffentliche Meinung?“ -
„Nirgends!“ sagt ich ihm in würdiger Verneinung,
Als der Mann um deines Hauses Nummer bat.

Öffentlich, das war’s, wonach der Pilger lechzte;
Daß du Meinung bist, das galt ihm keinen Deut.
Und wie rauh auch deine Priesterstimme krächzte,
Gleich dem Märtyrer, der nach Erlösung schreit,
Seiner Lust ward deine Notwehr nicht zur Klippe.
Doch schon birgt die Schande nicht mehr das Korsett,
Und du trittst, ein unheilschwangeres Gerippe,
Zwischen schäumenden Champagnerkelch und — Lippe,
Fordernd dein dir angestammtes Wochenbett.

Laß, Kassandra, drum die dunklen Unkenrufe,
Kommst du nieder doch auch ohne Wehgeheul!
Heut stehst hoffentlich du auf der tiefsten Stufe,
Deinem Bändiger sowie dir selbst ein Greul.
Wenn die Not des Magens erst dich angetastet,
Ist der Kreislauf deiner Tränen rasch verstopft.
Bist du deiner dumpfen Bürde erst entlastet,
Schwillt dir auch der Muskeln Kraft, die lang gerastet,
Und das Herz in jugendlichen Rhythmen klopft!

Kaspar Hauser



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