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2014-04-27

Gedichte von F.Wedekind: König David (43)




König David

Der König David steigt aus seinem Grabe,
Greift in die Saiten, schlägt die Augen ein
Und dankt dem Herrn, daß er die Ehre habe,
Dem Herrn der Herrscher einen Psalm zu weihn.
Wie einst in Abisags von Sunem Tagen
Hört man ihn wiederum die Harfe schlagen,
Indes sein hehres Preis- und Siegeslied
Wie Sturmesbrausen nach dem Meere zieht.

Willkommen, Fürst, in Palästinas Grenzen,
Willkommen mit dem holden Ehgemahl,
Mit Geistlichkeit, Lakaien, Exzellenzen
Und Polizeibeamten ohne Zahl.
Es freuen rings sich die historischen Orte
Seit vielen Wochen schon auf deine Worte,
Und es vergrößert ihre Sehnsuchtspein
Der heiße Wunsch, photographiert zu sein.

Ist deine Herrschaft denn nicht auch so weise,
Daß du dein Land getrost verlassen kannst?
Nicht jeder Kaiser wagt sich auf die Reise
Ins alte Kanaan. Du aber fandst,
Du seist zu Hause momentan entbehrlich;
Und darin täuscht sich deine Weisheit schwerlich;
Denn'wer sein Land so klug wie du regiert,
Weiß immer schon im voraus, was passiert.

Es wird die rote Internationale,
Die einst so frech und ungebärdig war,
Verbrüdern sich auf frohem Liebesmahle
Mit der Agrarier sanftgemuten Schar.
Frankreich heißt seinen Dreyfus stolz willkommen,
Als war auch er zum Heil’gen Land geschwommen.
Und gern verschiebt aus Rücksicht auf den Staat
Der Anarchist sein nächstes Attentat.

Drum sei uns denn noch einmal hoch willkommen
Und laß dir unsre tiefste Ehrfurcht weihn,
Der du die Schmach vom Heil’gen Land genommen,
Von dir hisher noch nicht besucht zu sein.
Mit Stolz erfüllst du Millionen Christen.
Wie wird von nun an Golgatha sich brüsten,
Das einst vernahm das letzte Wort vom Kreuz
Und heute nun das erste deinerseits.

Der Menschheit Durst nach Taten läßt sich stillen,
Doch nach Bewundrung ist ihr Durst enorm.
Der du ihr beide Wünsche zu erfüllen
Verstehst, sei’s in der Tropenuniform,
Sei es in Seemannstracht, im Purpurkleide,
Im Rokokokostüm aus starrer Seide,
Sei es im Jagdrock oder Sportgewand,
Willkommen, teurer Fürst, im Heil’gen Land!



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