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2014-05-07

Gedichte von N.Lenau : Das Lied vom armen Finken (19)




Das Lied vom armen Finken

Der Finkler ist ein Schlauer;
Wann dürr die Blätter sinken,
Dann sperrt er in den Bauer
Den eingefangnen Finken.

Er macht den Finken kirre,
Daß er zu finden lerne
Das Wasser im Geschirre
Und seines Futters Kerne.

Und weiß das arme Finklein
In seinen Sprossenwänden
Bescheid in jedem Winklein,
So geht es an ein Blenden.

Der Vögelpotentate
Brennt nun dem armen Tropfe
Mit glutgehitztem Drahte
Die Äuglein aus dem Kopfe.

Und fragst du nach dem Witze
Von solchem schnöden Werke?
Ei, daß im Kerkersitze
Der Fink den Lenz nicht merke.

Der Vogler kann nicht brauchen
Des Finken Schlag im Märzen.
Daß Lust und Lied ihm tauchen
Aus lenzgewecktem Herzen.

Da sitzt er nun gefangen
Im traurigen Verstecke,
Gar fleißig überhangen,
Daß ihn kein Lüftlein wecke.

Und sollte seine Seele,
Die doch den Frühling spüret,
Sich wagen auf die Kehle,
Wenn sich der Sänger rühret:

Vertreibt ihm bald sein Dränger
Die frohen Lenzgedanken,
Er spritzt dem kecken Sänger
Kalt Wasser in die Flanken.

Und läßt sich nicht bezwingen
Der Fink mit kalten Bädern,
Will selbst der Nasse singen,
So rupft man ein paar Federn.

Er soll sein lautes Schlagen
Und seinen Frühlingsglauben
Bis in den Herbst vertagen,
Wo sich die Hain' entlauben.

Dann wird er singen dürfen
Und seine Flügel dehnen,
Die Waldeslüfte schlürfen
Und sich im Frühling wähnen.

Dann auf dem Vogelherde
Beginnt der Narr zu preisen
Die freudenwelke Erde
In frohen Frühlingsweisen.

Dann hören sein Frohlocken
Und seine Frühlingslüge,
Verwirrt und süß erschrocken,
Der Vögel Wanderzüge.

Und voller Lenzverlangen,
Dem Finkler zum Ergetzen,
Fallen sie ein und fangen
Sich auch in seinen Netzen. –

Nun ist es Lenz, nun sitzet
Der Fink in seiner Steige,
Der Vogler rupft und spritzet,
Daß er den Lenz verschweige.

Ich aber vorempfinde,
Was droht aus Ost und Norden,
Das Heer der kalten Winde,
Die unsre Wälder morden.

In den zerstörten Hagen
Hör ich am Vogelherde
Auch schon den Finken schlagen:
›Wie schön ist Gottes Erdel‹

Doch wirds dann wieder heller
Nach trüben Winternissen,
Wenn einst dem Vogelsteller
Sein altes Garn zerrissen.



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