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2014-05-26

Gedichte von T. Fontane: Der blinde König (18)




Der blinde König

Ein Bettler steht gebückt am Wege
Und harrt des Königs stundenlang.
Das er zum Mitleid ihn bewege,
Wozu sein Elend jeden zwang.
Jetzt naht der König mit den Seinen,
Er geht vorüber, lacht und spricht;
Der blinde König würde weinen.
Doch ach, der König sieht es nicht.

Es murrt das Volk; des Königs Räte
Bedrücken das verarmte Land,
Und mit der Blütezeit der Städte
Die Liebe zu dem Fürsten schwand.
Die Not und tiefer Kummer einen
Sich blaß auf manchem Angesicht;
Der blinde König würde weinen,
Doch ach, der König sieht es nicht.

Der König reist durch seine Lande;
Allüberall der Jubel schweigt.
Zerrissen sind die Liebesbande,
Und Missmut jedes Auge zeigt.
Nur hier und dorten treibt es einen
Zur Huldigung aus Furcht und Pflicht; -
Der blinde König würde weinen,
Doch ach, der König sieht es nicht.

Der König starb; an seiner Bahre
Ist jedes Auge tränenleer.
Und weil's getrauert viele Jahre,
Drum trauert jetzt das Volk nicht mehr.
Man sieht die Hoffnung wieder scheinen
Auf manchem bleichen Angesicht;
Der blinde König würde weinen,
Wohl ihm, wohl ihm, er sieht es nicht.

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